Review: DIORAMA – “A Substitute For Light”
Gibt es so etwas wie „typisch Diorama“? Trotz all der Vielseitigkeit, die dieser Band innewohnt, sage ich: ja, es gibt eine Handschrift. Diorama ist immer überraschend. Während ich selbst bei unbekannten NDH-Bands nach einer Strophe mitsingen und die nächsten Reime zielsicher vorhersagen kann, ist Diorama ein Füllhorn der Überraschungen. Die eigenwillige Komposition sorgt dafür, dass man bei neuen Songs regelmäßig von einem seltsam langen Zwischenteil überrascht oder von einem ungewohnt schmissigen Outro aus einem Song hinauskatapultiert wird. Da ist man viele Jahre lang Fan und weiß trotzdem nicht, was kommt, wenn man eine neue Scheibe zum ersten Mal anhört, die Glitzerfolie abreißt und sich in ein neues Kaninchenloch stürzt, dass Torben enthusiastisch gegraben hat. Schon beim Titel bleibe ich hängen. „A substitute for light“… warum sollte man einen Ersatz für Licht finden wollen? Es gibt doch Licht, oder? Aber wenn wir ehrlich sind: immer weniger! Unsere Welt wird dunkler. Nicht im heimeilig-kuschligen, gemütlichen, schummrigen Sinne. Sondern kälter, härter, brutaler, sinnentleerter. Sickert das Licht aus unserem Leben wie aus unserer zerschmetterten Lieblings-Tasse? Und sind wir für ein Leben in Dunkelheit bereit?
Ich sitze in einem ICE von München nach Hamburg, gleite durch vom Morgenlicht beschienene Landschaften, unnötig unterbrochen vom kantigen Klotz namens Ingolstadt. Und schon nach dem ersten Song habe ich das Gefühl, dass ich mir im BordRestaurant einen Gin holen will. Ein gutes Zeichen!
Lied 1: Achievements
„Achievements“ puh… Diorama haben das Handbuch schon wieder nicht gelesen. Sanfter Einstieg? Erstmal reinkommen, ankommen, wohlfühlen? Fehlanzeige. Traurigkeit!
„Let the drowning start, no one knows how it will end. Our dreams and doubts collide, crumble in your empty hands“.
Tja, damit steht die Marschrichtung fest. Achievements… Darum kreisen viele unserer Gedanken. Etwas erreichen. Wie misst man ein erfolgreiches Leben? Ich denke, dass viele, die diesen Song hören, einfach nur bemerken werden, wie müde sie sind und wie satt sie das ständige Gemessenwerden haben. Torbens sanfte, mäandernde Stimme reißt erbarmungslos die Sinnlosigkeit unseres digitalen Lebens aus dem Nebel. Warum kreisen unsere Wünsche, Gedanken und Ziele so oft um Dinge, die wir von der Gesellschaft aufgezwungen bekommen haben oder die wir nur für erstrebenswert halten, weil man es uns immer wieder gesagt hat? Der Song hämmert sich in die Seele. Was noch auffällt? Der Beat ist im Intro schön gleichmäßig, der Motor läuft wie geschmiert. Im Outro dann schließlich… stottert er und bleibt letztendlich ganz stehen. Stehen bleiben kann auch ein Achievement sein, denn stehenbleiben, verharren und durchatmen bringt einen manchmal weiter als Vorwärtspreschen.
Lied 2: Isolated
„I am their favourite rat. Day after day I’m getting caught in the same live trap. I’m their favourite bad example selling comfort to the sentimental»
«Isolated» – ein sehr eingängiger und herrlich zynischer Song darüber, gefangen im System zu sein und vor allem darüber, nicht die Kontrolle zu haben. Gefangen in Gewohnheiten, die einem nicht guttun und fremdgesteuert. Ratten in einem Labyrinth. Wer hält das Klemmbrett? Passend zum Songtitel gibt es hier einen abgeschnürten, isolierten Teil des Songs, der im Wesentlichen aus der letzten Minute des Stücks besteht, die sehr ruhig und nur mit wenig Keyboardklang untermalt ist. „Go away, they say. You bring misfortune“ Kann man sich lösen? Und will man das wirklich? Sich vom System lösen, heißt isoliert zu sein, ausgestoßen. Laborratten werden gefüttert und haben einen Platz zum Schlafen. Der Schlüssel ist aber, dass sie sich ihrer Situation nicht ausreichend bewusst sind. Sie wissen nicht, dass es Alternativen gibt, also können sie keine Pläne schmieden, um auszubrechen. Die Frage ist, wie sehr wir uns von ihnen unterscheiden. Wir kennen theoretisch Auswege, aber haben wir die Kraft und den Willen, uns zu befreien? Oder ziehen wir die Bequemlichkeit und Gewissheit dem Ungewissen vor? „Isolated“ bietet genug Futter zum Nachdenken.
So! Jetzt möchte ich tanzen! Also nicht wortwörtlich, das kommt im Ruhewagen des ICEs nicht so gut an. Aber nach der ganzen, melancholischen, nachdenklichen Schwere wäre ich jetzt bereit, aus den Latschen gepustet zu werden!
Lied 3: No Complications
Ah! Mein „alter“ Freund! Dieser Song ist schon hinlänglich aus den Live-Konzerten bekannt, er wurde auch als Single ausgekoppelt. Aber nun ist er eingebunden in ein Album. Das verändert nochmal ein wenig die Wirkung. Ich hoffe, dass es wirklich keinen mehr da draußen gibt, der dieses tolle Stück noch nicht gehört hat. Sanft plätschernde Strophen mit coolen Atemgeräuschen, aber der Chorus verdichtet sich stark. „I hide where you don’t seek“ Die Refrain-Zeile löste jüngst eine lebhafte Debatte zwischen mir und meiner Freundin in Edinburgh aus:
Ich: „Wenn ich einen Ort gefunden habe, an dem du sowieso nicht suchst, muss ich mich eigentlich gar nicht verstecken, oder?“
Sie: „Doch, ich denke schon. Wenn ich da zufällig vorbeikomme, ohne dich wirklich zu suchen, aber du bist nicht versteckt, sondern sichtbar, finde ich dich sofort!“.
Ih: „Nein, würdest du nicht. Ich bin an einem Ort, an den du nicht einmal denkst. Du kommst nicht dorthin. Du suchst dort nicht, sondern überall sonst!“
Sie: “Unterschwellig willst du doch gefunden werden! Es geht um diese Gefahr!”
Diorama lösen wieder einmal Verwirrung aus, wir kennen das bereits! Wie lange haben wir damals über „Kein Mord“ diskutiert? Egal, weiter. Ich lasse mich wieder von „No Complications“ einnehmen. „Go, Zura!“, rufe ich, als das Gitarrensolo einsetzt. Die Frau schräg gegenüber sieht mich ungnädig über den Rand ihres Naturjoghurts an. So setzen wir beide unsere Prioritäten bei der Aufnahme von Kultur(en). Darf man eigentlich als Lieblingspart eines Songs das Outro haben? Ich liebe das stampfende Trompetenstoß-Outro von „No compliacations“! Es ist ganz wunderbar komponiert!
Lied 4: Million Dollar Smile
Ein Song, der bei mir nicht direkt verfängt. Zu gleichförmig! Aber im Zwischenspiel kommt dann wieder das bereits erwähnte Diorama-Drehmoment mit voller Dynamik rein. Hier wird die ruhige Linie unterbrochen. «Your million dollar smile, a substitute for light». Aha! Hier wurde der Albumtitel „versteckt“. Auch das hat sich bewährt! Man denke an „Tiny Missing Fragments“ – eingebettet in „Patchwork“ oder „Fast Advance, Fast Reverse“ in „Horizons“. Was ist ein „million dollar smile“? Entweder ein sehr teurer Zahnersatz oder aber ein strahlendes Lächeln, in dem die Verheißungen von einer glorreichen Zukunft liegen. Der Song strahlt insgesamt eine große Ruhe aus, die auch diesen Eindruck von Gleichförmigkeit erzeugt. Beim zweiten Hören entdeckt man aber noch viele kleine Raffinessen im Sound.
Lied 5: Kunstblut
Ui, ein deutscher Titel und zudem ein solch interessanter. Let’s go! Mein erster Gedanke: Die Remixer werden diesen Song lieben. Hier wurde direkt jegliche Song-Struktur aufgebrochen, die Sprechgesang-Sequenzen kommen stakkatohaft, ähnlich wie in „Kein Mord“. „Kunstblut“ is for the dance floor! Auch das können Diorama. Sie zerstören dich emotional mit Songs wie „Achievements“, nur um dich im nächsten Moment über die Tanzfläche zu peitschen! Das hypnotische Mantra von „Kunstblut“ nimmt direkt gefangen und man sieht Strobos, auch wenn keine da sind. Interessante Wendung!
Lied 6: Ruling My World
Okay, jetzt wird es wieder schwerer. Hier geht es um eine herausfordernde Beziehung. Um einen Menschen, der die Gedankenwelt eines anderen auch noch lange beherrscht, nachdem die Verbindung abgerissen ist. Ein Motiv, das vielen von uns bekannt vorkommt. „No escape, no energy is lost“. Manchmal ist der Energieerhaltungssatz ein Arschloch! Was, wenn man seine Energie nahezu komplett auf einen Menschen gerichtet hat (egal wie ungesund das ist) und dieser Mensch dann aus den Leben verschwindet? Wo soll man dann hin mit seinen ganzen Gefühlen? Oft genug richtet sich die überschüssige Energie nach innen. Wird Schmerz. Sind es die äußeren Umstände, die nicht gepasst haben? Wären wir in einem anderen Universum das perfekte Paar gewesen? Diese nachdenkliche Ballade namens „Ruling My World“ nimmt uns mit auf eine schmerzhafte Reise zu der Frage: „Was wäre, wenn?“ und „Wo haben wir uns verloren?“. Ich kenne Menschen, denen dieser Song (erneut) das Herz brechen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass sie mit der Zeit Wege finden, ihre tragische, heimatlose Energie umzuleiten und wieder etwas Schönes aufzubauen!
Lied 7: More Gold
Ich flüchte mich von der Fragilität wieder auf bekanntes Terrain. „More Gold“ begrüßt mich mit seinen kühlen Händen. Bereitwillig husche ich in den goldenen Käfig und schließe die Tür hinter mir. In Sicherheit! Wirklich? Der goldene Käfig ist seit jeher ein Bild dafür, seine Freiheit für vermeintliche Sicherheit zu opfern, was in der Regel als schlechter Deal angesehen wird. Und doch muss das jeder selbst entscheiden. Die meisten Philosophen sind sich darin einig, dass es schwierig ist, Freiheit und Sicherheit gleichermaßen zu erlangen. Aber wenigstens erkennen sollten wir die Gitterstäbe, damit wir wirklich eine fundierte Entscheidung treffen können – anders als die Laborratten. „Don’t despair, we are here, providing more gold to expand your cage» Natürlich wieder ein zutiefst ironischer Satz. Ein Käfig aus Gold, der immer ein Stückchen erweitert wird, wenn die Unruhe im Innern zu groß wird – und doch bleibt es ein Käfig! Sehen wir die Gitterstäbe und beginnen wir wie Truman Fragen zu stellen? „More Gold“ ist jedenfalls ein wunderbarer, kleiner Song, der definitiv im Ohr bleibt. Die eindringlich vorgetragenen Strophen haben viel Gewicht und der Einzeiler-Chorus wirkt hypnotisierend. Funktioniert live auch wunderbar!
Lied 8: On A Journey
Ach, wie passend, das bin ich gerade auch. Wohin geht die Reise? Hoffentlich nicht nach Kassel. Aber manchmal ist das Leben wie der Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Ungemütlich, windig, ein scheinbar gescheitertes Projekt. Und doch kommt man von dort aus oft noch weiter. Man darf gespannt sein. Der Song beginnt mit einem psychedelischen Geräusch wie von einem durchgedrehten Windspiel. „Chaos resolved. No needless parts. We’re on a journey. Will be arriving soon”. Ich bleibe dabei: Dieser Song ist eine Falle. Er will einen in Sicherheit wiegen. Er sagt zwar: „Alles ist gut, wir kommen bald an“. Ich glaube aber nicht daran. Ihr kennt alle die Schlussszene von „Léon, der Profi“, als er auf das Ende des Tunnels zugeht. In Zeitlupe. Ins Sonnenlicht. Und man weiß genau: Er wird es nicht lebend schaffen. Puh. Der Gesang schwebt ruhig über allem, der Sound plätschert, aber dann: erbarmungsloser Gitarrenstahl. Hier steckt mehr Unruhe drin, als auf den ersten Blick sichtbar ist. Der Song hat zwei Persönlichkeiten, verwoben zu einer interessanten Chimäre.
Lied 9: The Same Ghost
Rasant! Von der ersten bis zur letzten Note ein Banger! Auch den Song „The Same Ghost“ durften wir bereits vorab live erleben, daher überrascht die Power natürlich nicht. Hier stimmt einfach alles. Tolle, dynamische Strophen und dann die wilde Achterbahn des Refrains. Perfekt für exzessives Tanzen mit weit ausgebreiteten Armen. In der Mitte wird nochmal kurz Tempo rausgenommen, aber schon nach wenigen Atemzügen geht es wieder ab! Dieser Song ist definitiv nicht ICE-Ruhewagen-tauglich. Auch wenn die Musik durch die Kopfhörer verschluckt wird, das Quietschen des Sitzes verrät mich und meine Begeisterung. Die Joghurt-Frau war gerade eingenickt gewesen. Sie wird definitiv kein Fan mehr von mir und Diorama, soviel steht fest. Egal, gleich nochmal. The same ghost – again.
Lied 10: Losing Your Coordinates
Die Klicklaute am Anfang im Hintergrund sind super. Kühle, sterile Stimme. „I have no trigger to stop. There is no way this could end. Losing your coordinates. I’ve been too high on this drug. There’s no more ground to defend“. Die Bridge setzt das Motiv des Hintergrundsounds konsequent fort. Starkes Zwischenspiel! Der Song löst Beklemmung aus und vermutlich soll er das auch. Der Text spricht von einem Verlust an Orientierung, von einem eingeschlagenen, falschen Weg ohne eine Möglichkeit, umzukehren. Man kann die Hilflosigkeit mit Händen greifen. Die eingebauten Störgeräusche, Distortion etc. rütteln einen immer wieder auf. Wie aus einem Fiebertraum schreckt man kurz hoch, aber das Erwachen bietet keine Erlösung. Wird es mit dem letzten Song einen versöhnlichen Schluss geben? Die Chance ist nicht sehr hoch…
Lied 11: Weird Physics
Wieder nachdenkliches, behäbiges Voranschreiten. Aber verträumter, bequemer. „I’m turning to dust right by your side“. Ich habe den Eindruck, dass es um den Tod geht. Aber um einen friedvollen. Ein sanftes Dahinscheiden und Entschweben. Ein Auflösen in warmem Wasser. Traurig ja, aber nicht schmerzhaft. Torbens Stimme ist hier wesentlich wärmer als beim vorherigen Song. Der Sound wird auch behutsam aufgetupft. Zwischendurch klingen gar Choräle durch den Schleier. Die Schönheit der Glut wird beschworen, ohne die Notwendigkeit, wieder aufzuflammen. Großartig und unendlich bewegend!
Fazit
Dieses Album kommt nahezu ohne Wucht aus! Es gibt viele stille Momente, viele nachdenkliche Schleifen. Die Wucht wird eher über Emotionen transportiert. „Kunstblut“ ist der einzige Bruch. Mit „Achievements“ steht das Highlight gleich am Beginn von „A Substitute For Light“. Aber auch „The Same Ghost“, der energetischste Track des Albums weiß absolut zu überzeugen. Übergeordnete Motive sind: Gefangen sein, die Kontrolle verlieren, in der Falle sitzen. Tragik, Traurigkeit bis hin zum Grusel. All das wird glaubwürdig transportiert, wie ein Strauß Rosen zusammengeschnürt und uns in die begierigen Hände gelegt. Wir versuchen die Schönheit der Blüten zu ergründen, während die Dornen uns blutende Wunden beibringen. Aber wir müssen das ertragen, denn wenn wir uns auch nur eine Sekunde abwenden, ist alles zu Asche geworden! Mich haben Diorama wieder einmal voll gekriegt und das obwohl ich Wucht liebe! Und das ist das Kunststück hier! Der Wandel von Gedanken wie „Wo ist das nächste „Erase Me“ hin zu: „Huch, das tut jetzt aber unerwartet weh!“. Am Ende hat man gar nicht gemerkt, dass das Licht schon lange erloschen ist, sondern hat sich an die Dunkelheit gewöhnt. Wenn wir in der Finsternis keinen Leitstern mehr sehen können, lauschen wir einfach, ob irgendwo das psychedelische Windspiel namens Diorama erklingt. Wir versammeln uns um die lichtlose Glut, die Torben, Felix, Markus und Zura bereitstellen und versinken zufrieden in Melancholie.
8/10 Punkten
Diorama – “A Substitute For Light” erscheint am 10.04.2026!


