AVATAR zelebrieren ausverkauftes Tour-Finale im Docks
Wir schreiben Freitag den Dreizehnten und das verregnete und trübe Wetter lädt nicht gerade zum Draußen Verweilen ein. Gar kein Problem, denn wir haben eh nur vor, so lange unter freiem Himmel zu verbleiben, wie wir benötigen, um von der S-Bahn-Station Reeperbahn bis zum Docks zu laufen (ca. 4 Minuten) und in eben jene Location hineinzugelangen (aufgrund der langen Schlange vor dem Venue ca.15 Minuten). Wer heute hier im Docks spielt? Für eine Antwort auf diese Frage brauchte man eigentlich nur in die zahlreichen geschminkten Gesichter der wartenden Fans blicken – uns stand ein Konzert der schwedischen Band AVATAR bevor. Und nicht bloß irgendein Konzert, nein, uns erwartete das ausverkaufte Finale der „In The Airwaves“-Tour.
Aufgrund einer nachfolgenden Party im Docks startete das Konzert früh und bereits gegen 17:30 Uhr stand der erste Auftritts des Abends an. Die aus Norwegen stammende Band AGABAS war bis dato eine Unbekannte für mich und so hatte ich keine Ahnung, was mich erwartete. Der Auftritt begann direkt auf ungewöhnliche Art und Weise, kamen doch drei der Bandmitglieder aus der Mitte des Publikum in den Graben und dann auf die Bühne geklettert. Der Rest der Truppe begnügte sich mit einem konventionellen Einlauf. Abgesehen davon war der Begriff „konventionell“ aber wohl das letzte, womit ich den Auftritt der Norweger beschreiben würde. Der mit Saxofon-Klängen gekreuzte Death Metal erinnerte akustisch ein wenig an eine Schlägerei in einer Jazz-Kneipe – chaotisch, wild und ungezähmt. Schräg, aber irgendwie auch spannend. Die Jungs brachten auf jeden Fall einen Haufen Energie mit und gaben sich redlich Mühe, diese auch auf das Publikum zu übertragen. Sänger Sondre Sørensen Brønstad stürzte sich hierfür höchstpersönlich ins Getümmel und formte in der Mitte des Saals einen Circle Pit um sich herum. Musikalisch fokussierte die Gruppe sich auf ihre beiden jüngsten Releases. Zum einen das Album „Hard Anger“ aus dem Jahr2025 sowie zum anderen „A Hate Supreme“ aus dem Jahr 2023. Nach einem kurzen aber prall gefüllten 30-minütigen Set hieß es dann auch schon wieder Abschiednehmen, denn der Abend war streng getaktet und die nächste Band stand bereits in den Statlöchern.
Fotos: Sandra Gentz
Setliste AGABAS:
- Jævla Menneske
- Voluspå
- Kjærlighet For Alle
- Overstimulert
- La Blodet Flomme
- Megafon I Et Ekkokammer
- Steg Etter Steg
Für den nächsten Act reisten wir einmal ans andere Ende der Welt – bzw. der nächste Act war extra von dort aus zu uns nach Europa gereist. Die Jungs von ALIEN WEAPONRY stammen aus dem fernen Neuseeland und sind laut Johannes Eckerström von AVATAR der „beste Export des Landes seit Frodo Baggins“. Ihre Herkunft spielt für ihre Musik eine große Rolle, denn alle drei Bandmitglieder stammen von neuseeländischen Indigenen, den Māori, ab und diese Wurzeln lassen sie tief in ihr musikalisches Schaffen einfließen. Gegen 18:25 Uhr eröffneten Schlagzeuger Henry de Jong und Bassist Tūranga Morgan-Edmonds den Auftritt mit einer kurzen Darbietung des Haka (traditioneller Tanz der Māori), bevor sich dann auch Sänger Lewis de Jong zu ihnen gesellte und die drei mit „Rū Ana Te Whenua“ loslegten. Die von groovigen Riffs untermalte Performance entwickelte live eine beindruckende Intensität, auch wenn das Hamburger Publikum ein wenig Zeit brauchte, um richtig in Fahrt zu kommen. Daher sah sich Lewis nach einigen Songs dann auch genötigt, ein paar kritische Worte zu äußern: „This is the last show of the tour and I’m a little disappointed! Is it illegal to mosh in Germany? It’s not, right? So start that fucking moshpit!“. Derart aus der Reserve gelockt, kam langsam mehr Bewegung in die Menge und die Stimmung. Gefühlt hatten ALIEN WEAPONRY gerade erst so richtig losgelegt, da kündigte Lewis uns mit „Kai Tangata“ auch schon den finalen Song ihres Sets an. Ihr Auftritt war somit zwar bedauerlich kurz, doch bei mir hatten die Neuseeländer mit ihrer Performance einen bleibenden Eindruck hinterlassen – es mag zwar meine erste Show von ihnen gewesen sein, aber die letzte wird es wohl sicherlich nicht.
Fotos: Sandra Gentz
Setliste ALIEN WEAPONRY:
- Rū Ana Te Whenua
- Te Riri O Tāwhirimātea
- Mau Moko
- Taniwha
- Kai Tangata
Das unangefochtene Highlight und große Finale des Abends (sowie der Tour) stand uns nun direkt bevor: um 19:20 Uhr verdunkelte sich der Saal und eine gespannte Stille kam auf. In einen langen dunklen Umhang gehüllt bezog Sänger Johannes Eckerström Position hinterm Mikro und brachte, mit einer Laterne in der Hand, ein wenig Licht ins Dunkel, während der Rest der Band (ebenfalls in Umhänge gehüllt) sich auf der Bühne verteilte. Gemeinsam eröffneten sie die Show mit dem Titel „Captain Goat“ vom aktuellen Album „Don’t Go In The Forest“ – ein düsterer, aber atmosphärischer Auftakt. Mit dem Ablegen der Umhänge nach Verklingen der letzten Töne legten sie gleichzeitig auch jegliche Zurückhaltung ab, von nun an war Vollgas angesagt. Insbesondere für Johannes, der ja als exzentrisch-charismatischer Frontmann bekannt ist, gab es kein Halten mehr. Einem irren Zirkusdirektor gleich zog er uns unweigerlich in den Bann seiner Performance, sowohl in seiner Rolle als Sänger wie auch als Entertainer brillierend. Zwischen den Songs hielt er seine Ansprachen in fließendem Deutsch („Mein Deutsch ist zwar nicht perfekt, aber besser als euer Schwedisch“), was beim Publikum gut ankam und darüber hinaus dazu beitrug, dass jeder im Raum seine Witze verstehen konnte. Die Setliste der Band fokussierte sich vor allem auf den aktuellen Langspieler, doch auch ältere Stücke und Fan-Favoriten durften natürlich nicht fehlen und wurden immer wieder unter die neueren Stücke gemischt. Die nach dem Stück „Blod“ aufkommenden Rufe danach, sich auszuziehen, konterte Eckertsröm schlagfertig und mit einem frechen Grinsen im Gesicht: „Leider ist es ausverkauft heute Abend. Das heißt, ich muss mich nicht mehr ausziehen für Geld!“. Das Tempo beibehaltend ging es mit „The Dirt I’m Buried In“ und „Colossus“ Schlag auf Schlag weiter. Kurz darauf gewährten AVATAR uns dann aber doch eine kleine Pause von all der Action. In seine „Klavierjacke“ gekleidet gab Johannes am Klavier sitzend „Howling At The Waves“ zum Besten. In diesem intimen Moment zeigte sich eine weitere Facette der musikalischen Bandbreite der Schweden. Eckerström nutzte die Verschnaufpause zudem für eine persönliche Anekdote, indem er den Werdegang von AVATAR Revue passieren ließ: “Damals haben wir auch schon in Hamburg gespielt und da war es ein guter Tag, wenn mindestens 6 Leute im Publikum waren, denn dann war es einer mehr als auf der Bühne. Aber so wie heute, mit über tausend Leuten ausverkauft, das macht schon mehr Spaß.” Und das merkte man der Band auch an, dass sie jeden Moment dieser ausverkauften Show genossen. Zu einem Einspieler von „Glory To Our King“ nahm Gitarrist Jonas „Kungen“ Jarlsby mit einer Krone auf dem Kopf den Platz auf einem vergoldeten Thron ein, ganz der König von „Avatar Country“. Den nachfolgenden Song „Legend Of The King“ performte er von dort aus, ganz Zentrum des Geschehens. Das reguläre Set von AVATAR endete in einem fulminanten Finale mit „Let It Burn“ und „Tonight We Must Be Warriors“. Doch natürlich durfte die Zugabe nicht fehlen. Während die Band noch auf sich warten ließ, „schwebte“ ein roter, mit Helium gefüllter Luftballon von links nach rechts quer über die Bühne – eine kleine Hommage an das Cover des aktuellen Albums und zugleich Ankündigung des Stücks „Don’t Go In The Forest“. Mit „Smells Like a Freakshow“ und „Hail the Apocalypse“ endete ein Konzertabend, der noch lange in Erinnerung bleiben wird. AVATAR spielten eine grandiose Show voller Energie, die die Fans wohl kaum enttäuscht haben dürfte. Wie gewohnt kombinierten sie präzise gespielten Metal, der sich nicht um (Sub-)Genregrenzen schert, und einen theatralischen sowie humorvollen Auftritt, der seinesgleichen sucht.
Fotos: Sandra Gentz
Setliste AVATAR:
- Captain Goat
- Silence In The Age Of Apes
- The Eagle Has Landed
- In The Airwaves
- Bloody Angel
- Death And Glitz
- Blod
- The Dirt I’m Buried In
- Colossus
- Torn Apart
- Howling At The Waves
- Legend Of The King
- Let It Burn
- Tonight We Must Be Warriors
- Don’t Go In The Forest
- Smells Like A Freakshow
- Hail The Apocalypse
