„Arcane-Dimensions“-Tour von EPICA und AMARANTHE geht in die zweite Runde
Für den norddeutschen Rock- und Metalfan gab es am Freitagabend, den 06.03., in Hamburg die Qual der Wahl: durfte es das HELL OVER HAMMABURG Festival in der Markthalle sein? Oder doch eines der Konzerte von DIE HAPPY, GLUECIFER oder KEITH CAPUTO? Für mich persönlich war die Antwort auf diese Frage eine einfache, denn neben all den genannten Veranstaltungen gab es da auch noch das Konzert von EPICA und AMARANTHE in der Inselpark Arena – und zu einer Show meiner Lieblingsband EPICA sage ich nie nein (der geneigte Leser möge mir jegliche eventuell fehlende Objektivität im nachfolgenden Bericht verzeihen). Die beiden Bands sind derzeit mit ihrer Co-Headliner Tour unter dem Titel „Arcane Dimensions“ in Europa unterwegs, der erste Teil der Tour begann bereits im Januar und nach einer kurzen Erholungspause fiel mit der Show in Hamburg nun auch der Startschuss für den zweiten Tour-Block. Der Einlass an der Inselpark Arena begann recht früh, bereits kurz nach 17 Uhr öffneten sich die Türen und der erste Act sollte laut Plan noch vor 18 Uhr die Bühne betreten.
Der Opening Act war dabei alles andere als eine Unbekannte: die ehemalige DELAIN-Frontfrau CHARLOTTE WESSELS steht mittlerweile musikalisch auf eigenen Beinen und veröffentlichte 2024 nach zwei Compilations ihr erstes vollständiges Studioalbum mit dem Titel „The Obsession“. Hieraus erwuchs die gleichnamige Band, mit welcher Charlotte seither ihre Live-Auftritte bestreitet und die mit einigen weiteren bekannten Gesichtern daherkommt: Gitarrist Timo Somers, Bassist Otto Schimmelpenninck van der Oije und auch Schlagzeuger Joey Marin de Boer spielten in der Vergangenheit, ebenso wie Charlotte, bei DELAIN. Komplettiert wird das Line-Up durch Keyboarderin Nina van Beelen. Pünktlich um 17:50 Uhr wurde die Bühne in sanftes orangenes Licht getaucht und die Band startete mit „Chasing Sunsets“ in ihr Set. Insbesondere Charlotte bestach direkt mit ihrer Bühnenpräsenz und wusste das Publikum gekonnt in ihren Bann zu ziehen. Gesanglich stellte sie ihre Versatilität unter Beweis, indem sie von sanften und leisen Passagen über kraftvollen Klargesang bis hin zu harschen Growls beim finalen „The Exorcism“ hin und her wechselte. Timo, Otto und Joey (dessen Fußverletzung man seinem Schlagzeugspiel in keiner Weise anmerkt) webten hierzu den passenden Klangteppich, der sich mal minimalistisch im Hintergrund hielt und dann wieder in voller Wucht zurückkehrte. Nina ergänzte am Keyboard nicht nur die Harmonien, sondern steuerte auch einige Backing Vocals bei. Insgesamt ergab sich so ein erfrischend vielseitiges und überaus atmosphärisches Set. War ich bisher nicht unbedingt der größte Fan von Charlottes Solo-Musik (zugegebenermaßen hatte ich allerdings nach den ersten, während der Pandemie veröffentlichten Singles, aufgehört ihre musikalische Entwicklung weiterzuverfolgen), so konnte mich dieser Auftritt doch auf ganzer Linie überzeugen und ließ mich nach dem Verhallen der letzten Töne mit dem Vorsatz zurück, mir das Studioalbum „The Obsession“ daheim einmal in Ruhe in ganzer Länge anzuhören.
Fotos: Sandra Gentz
Setlist CHARLOTTE WESSELS:
- Chasing Sunsets
- Dopamine
- The Crying Room
- Soft Revolution
- Tempest
- After Us, The Flood
- The Exorcism
Der erste Headliner-Posten gehörte an diesem Abend den Niederländern von EPICA. Nach einer Umbaupause begann gegen 18:50 Uhr auf den aufgebauten LED-Screens ein Intro, welches die Wichtigkeit des „Lebens im Moment“ betonte und die Zuschauerschaft daher darum bat, die nachfolgende Show durch die eigenen Augen und nicht durch den Handybildschirm zu verfolgen. Dann folgte ein kurzer Countdown und der Auftritt von EPICA begann. Im vorderen Bereich der Bühne bezogen die beiden Gitarristen Mark Jansen und Isaac Delahaye sowie Bassist Rob van der Loo Stellung, während in der hinteren Hälfte der Bühne ein gestuftes Podest aufgebaut war, auf welchem Coen Jansen an seinem Keyboard sowie Ariёn van Weesenbeek hinter seinem Schlagzeug thronten. Den zentralen Platz auf dem Podium nahm Frontfrau Simone Simons ein, komplett in einen langen schwarzen Schleier gehüllt. Nachdem sie mit „Apparition“ ihr erstes Stück beendet hatten, entledigte Simone sich des Schleiers und kam, mit einer Sonnenbrille auf der Nase, wieder auf die Bühne, wo die Show nun richtig Fahrt aufnahm. Die Band setzte auf einen Mix aus neuem Material vom aktuellen Studioalbum „Aspiral“ sowie älterer und zum Teil selten gespielter Songs. So wurde „Cross The Divide“ beispielsweise abgelöst von „Martyr Of The Free Word“ (einem Song, welcher heute aktueller denn je scheint). Dabei legten Simone, Mark und Co. eine große Spielfreude an den Tag, interagierten mit dem Publikum und blödelten miteinander herum. Coen schnappte sich für einige der Lieder sein mobiles Keyboard und ging während „Cry For The Moon“ damit in den Graben, das Publikum in der ersten Reihe besuchen. Die ganze Zeit über wurde die Show optisch aufgewertet durch eine stimmige Lichtshow sowie wechselnde Visuals auf den LED-Leinwänden, welche dazu beitrugen, die jeweilige Atmosphäre für den Song zu setzen. Apropos Atmosphäre: ein besonderes Highlight bildete gegen Mitte des Sets die Kombination zweier ruhiger Stücke. Die Halle wurde in blaues Licht getaucht und Nebel waberte über den Boden der Bühne – Simone hatte sich in der Zwischenzeit schnell umgezogen und trug nun ein bodenlanges Glitzerkleid. Zudem bekam sie Gesellschaft von Charlotte, die sich ebenfalls umgezogen hatte. Gemeinsam setzten die beiden zu „Sirens – Of Blood And Water“ an und zogen uns mit ihrer Performance wahrlich zwei Sirenen gleich in ihren Bann. Und damit nicht genug, denn auf einen Gänsehautmoment folgte direkt der nächste, als für Coen ein Piano auf die Bühne gerollt wurde. Auf diesem begleitete er Simones bei „Tides Of Time“ besonders eindrucksvoll zur Geltung kommenden Sopran. Doch nun genug der Balladen – die Musik der Band lebt von Kontrasten und so wurde es im Anschluss wieder deutlich metallischer, Mark und Isaac bekamen bei „The Grand Saga Of Existence“ Gelegenheit, ihre Fähigkeiten an der Gitarre zu demonstrieren und Simones Klargesang mit einigen Growls zu komplementieren. Mit „The Last Crusade“ schaffte es noch ein weiterer Oldie auf die Setliste, bevor mit „Beyond The Matrix“ dann auch schon das Ende der Show erreicht war und Simone das Hamburger Publikum noch ein letztes Mal aufforderte, gemeinsam mit ihr zu springen: „Wir machen jetzt ein wenig Metal-Aerobics!“. Die 80 Minuten Spielzeit waren wie im Flug vergangen und zumindest meiner persönlichen (wie bereits erwähnt nicht ganz objektiven) Meinung nach hätten EPICA auch gerne noch länger spielen können.
Fotos: Sandra Gentz
Setlist EPICA:
- Apparition
- Cross The Divide
- Martyr Of The Free Word
- Eye Of The Storm
- Unleashed
- Never Enough
- Sirens – Of Blood And Water
- Tides Of Time
- The Grand Saga Of Existence
- Cry For The Moon
- Fight To Survive
- The Last Crusade
- Beyond The Matrix
Den zweiten Headliner-Slot und somit auch die finale Show übernahmen nun AMARANTHE. Die Umbaupause zwischen den beiden Sets nahm mehr Zeit als geplant in Anspruch und so verzögerte sich der Auftritt der Schweden um knappe 10 Minuten – gegen 20:50 Uhr wurde unsere Geduld dann aber belohnt. Das Bühnenbild sah nun deutlich futuristischer aus als zuvor und Laserstrahlen zuckten durch die Halle, während aus den Boxen das Intro von AMARANTHE ertönte. Nach und nach betraten zunächst Schlagzeuger Morten Løwe Sørensen, Bassist Johan Andreassen und Gitarrist Olof Mörck die Bühne. Dort angekommen stiegen sie gemeinsam in den Song „Fearless“ ein – pünktlich zur ersten Strophe gesellte sich dann auch das Trio am Mikro, bestehend aus Elize Ryd, Nils Molin und Mikael Sehlin, zu ihnen. Wer dachte, nach EPICA wäre die Luft im Publikum nun schon raus, wurde schnell eines besseren belehrt, denn die überaus mitreißende und partytaugliche Musik der Schweden versetzte die Zuschauer schnell wieder in Bewegung. Elize und Nils wechselten sich mit dem Klargesang ab, während Mikael die gutturalen Passagen übernahm. Mit Titeln wie „Digital World“, „Damnation Flame“ und „Maximize“ lieferten sie einen energiegeladenen Auftakt und stellten einmal mehr unter Beweis, wie gut die Kombination aus tanzbaren elektronischen Beats und harten Gitarrenriffs harmonieren kann. Doch auch AMARANTHE können mehr als bloß Party – mit „Strong“ und „Crystalline“ folgten die ersten ruhigeren Momente ihres Sets. Mikael konnte sich ein wenig ausruhen, während Elize und Nils im Duett performten. Direkt im Nachgang wurde dann aber auch wieder ein Gang hochgeschaltet und mit „Chaos Theory“ bekamen wir die erst kürzlich veröffentlichte neue Single der Band live zu hören. Der Song besticht mit all den Elementen, die man von AMARANTHE schätzt und erinnert zudem ein wenig an die frühen Stücke der Band. Ausgerechnet mit „Amaranthine“ hatte Elize dann aber so ihre Schwierigkeiten – für gewöhnlich performt sie die Ballade überaus souverän, doch an diesem Abend wollte ihre Stimme dann doch nicht ganz mitspielen. Und auch ganz generell gesprochen lieferten sowohl Nils als auch Mikael im Laufe des Sets die gesanglich die deutlich stärkere Performance ab. Der Stimmung in der Inselpark Arena tat dies jedoch keinen Abbruch und spätestens zum Klassiker „The Nexus“ waren alle Dämme gebrochen. Auch bei AMARANTHE verging die Zeit rasend schnell und ehe man sich versah, war es auch schon an der Zeit für die Zugabe: diese bestand aus „Archangel“ sowie einer seeehr in die Länge gezogenen Ansprache von Nils und „That Song“. Den explosiven Abschluss bildete „Drop Dead Cynical“, ein weiterer Klassiker, welcher auf keiner Show fehlen darf und das Set gelungen abrundete.
Fotos: Sandra Gentz
Setlist AMARANTHE:
- Fearless
- Viral
- Digital World
- Damination Flame
- Maximize
- Strong
- Crystalline
- The Catalyst
- Chaos Theory
- Amaranthine
- The Nexus
- Call Out My Name
- Archangel
- That Song
- Drop Dead Cynical

