Schlaflose Nacht mit LACUNA COIL – “Sleepless Empire”-Tour in Hamburg
Am Abend des 2. Novembers luden LACUNA COIL uns in die Hamburger Markthalle ein, um dort das lange Wochenende zu einem würdigen Abschluss zu bringen und uns von ihnen ein wenig um den Schlaf bringen zu lassen. Denn momentan sind die Italiener mit ihrem aktuellen Album „Sleepless Empire“, welches Anfang des Jahres das Licht der Welt erblickte, auf gleichnamiger Tour in Europa unterwegs. Als wir kurz vor dem Einlass um 19:00 Uhr an der Markthalle erschienen, war noch nicht allzu viel los und so kamen wir recht schnell und unkompliziert ins Gebäude. Nach und nach tröpfelten die Zuschauer in die Halle, sodass sich der Saal stetig füllte, jedoch noch weit davon entfernt war, aus allen Nähten zu platzen. Allerdings war die Show ja auch nicht ausverkauft.
Eine knappe Stunde nach Einlass begann die Veranstaltung für uns mit dem Opener NONPOINT. Die aus Florida stammenden Nu-Metaller sind seit den späten 90ern umtriebig und haben seither 12 Alben veröffentlicht. Ohne viel Tamtam bezogen sie auf der Bühne der Markthalle Stellung und legten mit den beiden Songs „Breaking Skin“ und „What A Day“ los. Dabei brachten sie direkt ordentlich Trubel in den Saal. Bassist Adam Woloszyn betätigte sich gleichermaßen an seinem Viersaiter wie auch an akrobatischen Ertüchtigungsübungen in Form von Luftsprüngen, während die beiden Gitarristen Jaysin und Rasheed sowie Sänger Elias Soriano ihre Dreads kreisen ließen. Lediglich Drummer Robb konnte sich an der Action, aufgrund eines Mangels an Haupthaar einerseits und seines ortsgebundenen Instrumentes andererseits, nur bedingt beteiligen. Mit groovigen Rhythmen, teils aggressiven Riffs und einer Mischung aus Klargesang, Shouts und gelegentlichen Rap-Passagen dienten sie dem kleinen Moshpit vor der Bühne als Taktgeber. Der Rest der nicht moshenden Bevölkerung begnügte sich damit, mitzuklatschen oder im Takt zu wippen. Dies reichte Elias jedoch nicht und so forderte uns alle zum Mitsingen auf: „I promise, you’re all gonna know the words to this next song!“. Und Recht hatte er, denn das nächste Stück war ein Cover des PHIL COLLINS-Klassikers „In The Air Tonight“. Anschließend widmeten sie sich wieder ihrer eigenen Musik und machten zudem noch ein wenig Werbung für ihre Social Media-Kanäle. „Go to your Instagram, type in N-O-N-P-O-I-N-T, that spells KoRn, and click follow“. Nun ja. Wenn ich NONPOINT mit Bands wie KORN vergleichen würde, dann wohl nur in einem Satz à la „Was man bekommt, wenn man KORN auf Wish bestellt“. Das klingt vielleicht ein wenig harsch, aber wer von sich aus einen Bezug zu einer derartigen Legende herstellt, der muss dann auch damit leben, im Vergleich nicht unbedingt gut bei wegzukommen. Aber gut, Geschmäcker sind verschieden und das ist auch völlig in Ordnung so, man muss ja nicht alles mögen. Vielen anderen Zuschauern in der Markthalle schien der Auftritt von NONPOINT ja durchaus zuzusagen, ich persönlich war jedoch nicht ganz unglücklich, als sie nach knappen 50 Minuten Spielzeit mit „Bullet With A Name“ zu ihrem letzten Song ansetzten und die Bühne anschließend verließen.
Fotos: Sandra Gentz
Setlist NONPOINT:
- Breaking Skin
- What A Day
- Chaos And Earthquakes
- Dodge Your Destiny
- Buscándome
- Ruthless
- A Million Watts
- In The Air Tonight
- Rabia
- Alive And Kicking
- Bullet With A Name
Gegen 21:10 Uhr begann für mich dann der erfreulichere Teil des Abends: über die Videoleinwand im hinteren Bereich der Bühne waberte das Bandlogo von LACUNA COIL und der Saal wurde in bläuliches Licht getaucht. Als erstes erschien Schlagzeuger Richard Meiz und stellte (oder eher posierte) sich hinter sein Drumkit. Mit Gitarrist Daniele Salomone (welcher live aktuell aushilft, bis eine neue Besetzung für den Posten gefunden ist) sowie Bassist Marco „Maki“ Zelati und schlussendlich dann auch den beiden Sängern Andrea Ferro sowie Cristina Scabbia komplettierte sich das Line-Up dann, sodass die Band mit „Layers Of Time“ durchstarten konnte. Direkt hinterher schoben sie mit „Reckless“ und „Hosting The Shadow“ gleich zwei weitere Highlights – ein starker Auftakt, der den Ton für den Rest des Abends vorgab. Sowohl das überwiegend in Blau- und Rottönen gehaltene Beleuchtungskonzept in Kombination mit den unterstützenden Videoelementen, wie auch die Kostüme der Band trugen dazu bei, ein atmosphärisches Gesamtbild zu schaffen. Während die Herren komplett in schwarz gekleidet und mit Gesichtsbemalung versehen wie aus einem Schwarz-Weiß-Film entsprungen wirkten, stellte Cristina im Kontrast hierzu mit ihrem roten Tüllkleid den farblichen Eye-Catcher des Abends dar. Im Laufe der kommenden Stunde entführten uns die Italiener auf eine musikalische Reise, welche mit einem ausgewogenen Mix aus altem und neuem Material überzeugen konnte. Wie man es von LACUNA COIL kennt und liebt, ergänzten sich Cristina und Andrea auch an diesem Abend wieder in einem kontrastreichen Duett bestehend aus Klargesang und harschen Shouts. Während die Band selbst sich in Topform präsentierte, ließ der Sound in der Markthalle leider ein wenig zu wünschen übrig und verhinderte teilweise, dass die Musik 100% zur Geltung kam. Zwar konnte man den Gesang ohne Probleme verstehen, jedoch gingen Gitarre und Bass stellenweise unter, wohingegen das Schlagzeug im Mix überpräsent war. Der guten Stimmung im Saal tat dies aber dennoch keinen Abbruch. Dafür gelang dies einer Person aus dem Publikum ganz im Alleingang. Denn als die letzten Töne von „Oxygen“ verklangen und Cristina zum nächsten Song überleiten wollte, wurde sie in ihrer Ansprache von einem überaus erbost klingenden Zwischenruf aus der Menge unterbrochen. Einige der Umstehenden versuchten, den pöbelnden Zuschauer zum Schweigen zu bringen (okay, das klingt jetzt irgendwie makaberer als gemeint, es kam niemand zu Schaden, versprochen!), doch Cristina bat um Ruhe und forderte den Störenfried auf, sein Anliegen zu wiederholen. Alles habe ich von dem Gebrüll nicht verstanden, aber anscheinend stießen ihm die von der Band als Zusatz zur Show angebotenen VIP-Upgrades sauer auf und er bezichtigte die Band der “Halsabschneiderei”. An dieser Stelle muss ich wirklich meinen Hut vor Cristina und ihrer gelassen-freundlichen Reaktion ziehen – auch wenn ich zu bezweifeln wage, dass ihre Argumente auf der anderen Seite ankamen. Schlussendlich beendete sie die Konversation mit einigen Worten darüber, dass niemand gezwungen sei, die Preise für ein VIP-Upgrade zu berappen, Merchandise zu kaufen oder Ähnliches und verwies darauf, dass all diese Dinge der Band jedoch enorm dabei helfen würden, mit schwarzen Zahlen aus der Tour herauszugehen anstatt mit roten. „This is our job, after all, and we’d like to make a living of it.“. Ihr Angebot an den immer noch schlecht gelaunten Zuschauer, zu der Band auf die Bühne zu kommen, um sich dort zum Beispiel ein Autogramm oder ein Foto abzuholen – „free of charge“ – verlief im Sande und so konnte es mit „Nothing Stands in Our Way“ endlich musikalisch weitergehen. Allerdings nur kurz, denn hierbei handelte es sich um den letzten Song vor der Zugabe. Diese fiel dankenswerterweise aber lang aus und bestand aus ganzen vier Songs. Zu „I Wish You Were Dead“ schnappte sich Cristina ein mit Schmucksteinchen besetztes und im Scheinwerferlicht funkelndes Messer, um den Lyrics mehr Nachdruck zu verleihen (ich wiederhole: es kam niemand zu Schaden). Das Finale bildete gegen 22:40 Uhr das Stück „Never Dawn“ vom aktuellen Album und beschloss somit einen zwar stellenweise mackenbehafteten, aber trotzdem im Großen und Ganzen gelungenen Abend in der Markthalle.
Fotos: Sandra Gentz
Setlist LACUNA COIL:
- Layers Of Time
- Reckless
- Hosting The Shadow
- Kill The Light
- Die & Rise
- Spellbound
- In The Mean Time
- Intoxicated
- Downfall
- Heaven’s A Lie
- In Nomine Patris
- Blood, Tears, Dust
- Gravity
- Oxygen
- Nothing Stands In Our Way
- The Siege
- I Wish You Were Dead
- Swamped
- Never Dawn

