REVIEW: ZOODRAKE – Mit ‘Reunite’ wächst zusammen, was zusammen gehört
ZOODRAKE beglücken uns am 19. September mit einem neuen Album namens „Reunite“.
So weit so gut, technisch betrachtet könnt ihr jetzt bereits weiter scrollen. Also zumindest, wenn ihr euch einen Knoten ins Taschentuch gemacht habt und es dann auch erwerbt, oder besser noch umgehend vorbestellt.
Wenn ihr mehr Informationen benötigt, weil ihr zum Beispiel einer unbegründeten Kaufempfehlung durch den Autor nicht so recht traut, dann bleibt an dem Ding mit den drei Ä: Där Gärät! Versprochen, euch wird geholfen werden!
ZOODRAKE
Schlimme Menschen würden die Musik von Hilton Theissen aka ZOODRAKE verächtlich als Synth Pop diffamieren. Wobei das zumindest nicht ganz falsch wäre, in diesem Fall aber so dermaßen oberflächlich, dass man schon beinahe von einer Beleidigung sprechen könnte.
Der Mann hinter diesem Projekt verbringt schon mehrere Leben (zumindest sieht er noch nicht annähernd so alt aus, wie seine musikalische Karriere bereits andauert; Anm. des Autors im Auftrag der Redaktionsleitung, ha ha) in der Musikindustrie. Seit etwa 35 Jahren (sein ältestes auf Discogs gelistetes Release datiert auf 1992) verdient er sich mit so illustren Projekten wie AKANOID, DARK MILLENNIUM, RAPE, SPACEFISH, SPHERE und eben ZOODRAKE seinen Lebensunterhalt, neben der Arbeit für andere im WIDE NOISE-Studio. Und wir erinnern uns alle an die Geburt von ZOODRAKE, die eher als Zufallsprodukt aus einer massiven Supernova hervorgegangen ist – zu unser aller Glück, wie wir ergänzen mögen!
Und auch musikalisch ist jedes dieser Projekte eine Erwähnung wert. Denn alles fing mit einer sehr eigenen Definition von Death Metal an, die auch gern im Goth Rock, im Doom Metal und Zitaten an allerlei anderen Stilistiken nicht abgeneigt war, beziehungsweise noch immer ist. Daneben gab es auch richtig experimentelle Produktionen eines Projektes, welches Hardcore und Black Metal bediente, aber auch Trance-Mixe seiner Songs fertigte, und damit gar mit dem Stempel Eurodance belohnt wurde. Dem folgten Ausflüge in den Progressive Trance, Psy-Trance, über Alternative Rock und Synth Pop, bis eben zu „Reunite“.
Da schlummern also gar einige musikalische Persönlichkeiten in diesem jugendlichen Körper!
Reunite
Musikredaktionen aller Herren Länder bekommen zu jedem Release ein sogenanntes Infosheet dazu, auf dem ein paar Promo-Zeilen erklären sollen, wer der Künstler ist und was er uns, beziehungsweise letztlich euch mit seinem Werk sagen möchte. In diesem Fall war selbiges aber nicht wirklich ergiebig, was die Namensgebung angeht. Der Autor hat gerade viel Zeit und durchaus Bock, hier wilde Spekulatius loszutreten, belässt es aber bei einem dezenten Hinweis auf den letzten Absatz vor dem, den ihr hier gerade voller Wissbegier aufsaugt. Er hält es für durchaus möglich, dass ihr dort eine mögliche Erklärung für den Titel „Reunite“ findet.
„Reunite“ ist das vierte Studio-Album von ZOODRAKE, ergänzt durch eine Art „Best 3 out of 3“- Compilation, nebst Bonus-Song.
Die einzig stetige Wiederholung vom Anbeginn an ist die quantitative Zusammenstellung der Alben.
Jedes dieser Full Releases enthält zehn Songs. Okay, man könnte auch ergänzend erwähnen, dass die Vermeidung stilistischer Einfältigkeit ein stetes Merkmal von ZOODRAKE-Alben ist.
Mit dem kommenden Werk hat sich Herr Theissen allerdings mittlerweile so weit aus dem Fenster gelehnt, dass sich unweigerlich Bilder von Comicfiguren einige Meter über dem Abgrund aufzwängen.
Das Album führt ein Eigenleben und mag sich in keiner Schublade länger aufhalten. Selbst die einzelnen Titel lassen sich zuweilen keinem einzelnen Genre zuweisen. Hier wird gerührt, gewürfelt, wie auch immer ihr so etwas nennen mögt – quasi auf Teufel komm raus.
Ihr bekommt tatsächlich als Fundament den Synthpop, aber das Haus darauf folgt keiner festen Norm, lässt es nicht zu, seine Strukturen zu erfassen. Bisweilen wähnt man sich in ganz anderen Dimensionen. Und doch ist da diese unsichtbare Kraft, die alles zusammenhält. Kein klassischer roter Faden, eher so ein Korsett aus Antimaterie, um bei den astronomischen Assoziationen zu bleiben.
Es ist immer klar ZOODRAKE und doch ist jeder Song einzigartig, ein Unikat mit eigener Handschrift.
Immer noch Fragen, was mit „Reunite“ gemeint sein könnte?!

Das Album
Der Autor hat hier nun schon über 600 Wörter verteilt und noch immer traut ihr dem Urteil in der Eröffnung nicht? Dann werfen wir doch mal einen flüchtigen Blick in die Songauswahl von „Reunite“…
Eröffnet wird der Longplayer mit der ersten Pre-Single „Headradio“. Damit ist die Marschrichtung auch schon recht eindeutig klar. Der Song oszilliert zwischen SynthPop, Synth Rock und Alternative.
Langsam zirpt er sich heran, bevor der heavy Beat einsetzt und ein Teppich aus maximal verzerrten und gefilterten Gitarren die Basis für Herrn Theissens hochvariablen Gesang bildet.
Dem folgt sogleich mit „Little Beetle“ die zweite Vorab-Single. Broken Beats mit unbändiger Energie, mal fordernder, dann wieder höchst verletzlicher Gesang, das Ding scheppert gewaltig.
Inhaltlich geht es um ebensolche Ausbrüche, wie sie das musikalische Korsett des Songs bieten: raus aus der Komfortzone, raus in die Weite, das Sprengen selbst angelegter Ketten.
„Spitting Devil“ ist ein durchaus böses Liedchen, welches musikalisch mit schwer rockigen, aber auch EBM-haltigen Segmenten spielt. Die Hook ist ungewöhnlich, der Uptempo-Industrial-Sound extrem energetisch, ein Song der hängen bleibt, ohne Zweifel.
Auch „Micro Psycho“ war bereits eine vorausgegangene Single, die Dritte, um genau zu sein. Trotz einer in ihrer Intensität mit den andere Albumsongs vergleichbaren musikalischen Ausstrahlung ist sie doch schon eher ein Bindeglied zu den Vorgängeralben. Filter, Verzerrer, Refrains in bestem Klargesang und einer Hook zum Dahinschmelzen, das Muster ist zu erkennen. Inhaltlich befasst sich das Mastermind hier auf recht sarkastische Art mit Medien, deren Macht zum Machtmissbrauch, zur Manipulation und der Frage, was passiert, wenn das Böse(?) diese Medien für sich nutzt.
Mit „A Feeling I Know“ wird es zum ersten Mal richtig ruhig, beinahe balladesk. Ein Song der ordentlich Sub-Bass an den Beats kleben hat, ansonsten aber maximal entspannt dahingleitet. Inhalt und musikalisches Kleidchen passen hier perfekt zusammen, inklusive der Tür im Outro.
Ein echter Kracher dreht gleich wieder alles, denn „Take My Money“ ist nicht nur die noch aktuelle, letzte Pre Out-Single, sondern Gesellschaftskritik in seiner schönsten Verkleidung. Ein maximal humorvoller Seitenhieb gegen Geldgier und Bigotterie. Das Ding ist so dermaßen wild und anders, dass man es gar nicht zu fassen bekommt. Dieser Track überrollt euch einfach, um euch danach lachend aufzuhelfen. Trotz seiner Aura einer Dampframme ist er hochgradig symphatisch. Ein Titel, dem man sich nicht entziehen kann!
„The Beast Beats“ ist im Kern älter als manch ein Konsument der Zielgruppe. Dieser Titel hat seinen Ursprung im Jahre 1996, wurde immer mal wieder hervorgekramt, aber nie fertig gestellt – bis jetzt!
Auch hier wird die meisten, die ZOODRAKE seit nunmehr 5 Jahren begleiten, dieses wohlige Gefühl des Vertrauten erfassen. Textlich geht es hier um krankhafte Auswüchse von Liebe, also ein durchaus eher kantiges Thema, welches hier dann doch recht bekömmlich überbracht wird.
Uiuiui…
Mit „NCB“ könnte der wohl politischste und aktuellste Track dieses Albums gerade unser Ohr erreichen. Nach dem noch sehr verlockenden Geklingel im Intro folgt schon die Düsternis. Daraufhin verheißt vokalistisches Gesäusel Entspannung, bevor sich ein maximal aggressiver Sturm Bahn bricht. Ein Song, der wie ein Morgenstern alles kaputtschlägt, was nicht bei 1 auf den Bäumen ist. Fast ein bisschen die elektronische Schwester von Grindcore, allerdings ohne Growling und Grunzing.
Wohl das Coolste, was die letzten Jahre auf den Musikmarkt losgelassen wurde!
Mit „Fading Fire“ folgt wieder ein eher ruhiger Song voller Hall und offenen Räumen. Allerdings auch ein Song, mit dem der Autor nicht ganz warm wird. Gut zwei Drittel des Titels plätschern wie gerade beschrieben recht minimalistisch dahin, um dann in einem Abgang zu enden, der sehr unrund und zuweilen nach 70er Jahre-Stadion-Rock klingt. Nicht zwingend etwas Schlechtes, aber hier eben doch ein kleiner Ausreißer, wie wir meinen. Inhaltlich bietet dieses Werk einiges sehr Sentimentales, was musikalisch ganz offensichtlich seine Ergänzung findet.
Den Vogel abschießen wird allerdings Titel Nummer zehn: „Fallen Star“ ist eine völlig verrückte Synth-Rock-Oper in drei Akten. Eigentlich sind es, zumindest instrumental, drei einzelne Songs. Allerdings erstreckt sich der Text nahtlos über alle Akte. Und auch sonst bietet diese Nummer alles, was heute selbst im Alternative-Musikuniversum praktisch nicht mehr stattfindet. Neben bereits erwähnten Besonderheiten haben wir hier auch ein Potpourri an Genres und Subgenres miteinander verwoben. Wir finden die Akustikgitarre neben Streichern, Walls of Synth-Waves neben Hardrock-Hymnen, Bass free-Elemente neben Heavy Breakbeats – und das alles in einer Länge, die ohne Klangverlust kaum auf eine 12-Inch pressbar wäre. Eine Achterbahn der Gefühle, in jeder Hinsicht ein Meisterwerk.

Fazit
Es ist beinahe witzig, weil es wie eine dieser typischen Kritikerphrasen klingt: „Reunite“ ist das bisher beste ZOODRAKE-Album! Es bewegt sich immer mehr aus der Synthpop-Ecke, in die das Projekt an sich eh nie so richtig passte, um im hoch energetischen Alternative-Pop-Rock zu enden.
Das mag auf der einen Seite manch Konsumenten vergraulen, der schon mit Depeche Mode gebrochen hat, weil da plötzlich eine Gitarre im Spiel war, auf der anderen Seite dürfte der abfischbare Teich gerade massiv angeschwollen sein.
Das Album hat jede Menge Substanz, sowohl inhaltlich, als auch musikalisch. Es fängt zwar sehr treibend an, vermag dennoch einen sauberen Spannungsbogen durch alle möglichen Tempi, Stimmungen und Arrangements zu ziehen. Auf „Reunite“ finden alle musikalischen Stränge von Hilton Theissen zusammen. Darüber hinaus werden keinerlei Konventionen beachten oder gar eingehalten. ZOODRAKE ist angetreten, alles bisher Dagewesene einzureißen, ohne dabei kantig oder ungenießbar zu werden. Well done…
Note: 1+
Technische Daten
| Act | Zoodrake |
| Release | Reunite (Album) |
| Release Date | 19.09.2025 |
| Label | Elektrofish Studio |
| Vertrieb | BOB Media |
| Medien | Stream, Download, CD |
| Quellen | die großen Streamingportale, Bandcamp und weitere, im klassischen Medienhandel |
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