SUMMER BREEZE 2025 – Freitag
Die heißen Temperaturen hielten auch am Freitag noch an, aber das hielt natürlich niemanden vom Partymachen ab. Früh aufstehen (für Festivalverhältnisse) lohnte sich, denn neben LEAGUE OF DISTORTION, die die Main Stage eröffnen durften, hatte sich hernach CHARLOTTE WESSELS, die Ex-Frontfrau von DELAIN mit Ihrem Solo-Projekt THE OBSESSION angekündigt. Mit Joey Marin de Boer, Otto Schimmelpenninck van der Oije und Timo Somers ist Charlottes Band auch mit drei anderen ehemaligen DELAIN-Mitgliedern besetzt. Ergänzt wird das Ganze live durch die Keyboarderin und Background-Sängerin Nina van Beelen. Das Set begann mit der bekannten Single „Chasing Sunsets“. Was die Musik von Wessels vor allem auszeichnet, ist der ehrliche Umgang auch mit negativen Gefühlen. „So wonderful to see all your gorgeous faces“, sagte die charismatische Fronterin zu Beginn, und erklärte dann die Backstory zum Song „Crying Room“: „We had a concert a while ago and I was so nervous before. I needed a designated place for a little mental breakdown. Does anybody here loves crying? Ah, quite a few. So, you are my people! This is the „Crying Room“. Zwischendurch ließen auch die Grabenschlampen es oprdentlich „weinen“, indem sie einen Wasserschlauch zur Abkühlung des Publikums einsetzten. „Give it up for the guys with the water!“, forderte Charlotte. Die Kühlung aus dem Graben verlieh den Fans neue Kraft und so feierten sie ehrliche, handgemachte Musik aus den Niederlanden, die mit ihrer ungeschönten Emotionalität und bewussten Verletzlichkeit genau das darstellt, was die Menschen derzeit brauchen. Charlotte Wessels ist nicht nur eine hervorragende Songwriterin, sondern auch in ihrer Live-Präsenz stärker denn je!
Als nächstes lieferten ROYAL REPUBLIC eine hochenergetische Rock-Show auf der Main ab.
Gleich zum Einstieg sorgten „My House“, „Love Cop“ und „Getting Along“ für springende Reihen. Zwischendurch streute die Band Metallica-Snippets („…And Justice for All“, „Battery“) ein – Augenzwinkern inklusive. Schließlich war man ja auf einem Metal-Festival! Frontmann Adam Grahn hielt die Crowd ständig in Bewegung, die Refrains wurden oft laut mitgesungen. Die Schweden hatten hier definitiv ihre Fanbase! Das Finale zündete mit „RATA-TATA“, das der bereits gut durchgeschwitzten Menge noch einmal alles abverlangte. Zum Glück stand das Wasserkommando im Graben bereits wieder für eine Runterkühlung bereit.
Die DONOTS lieferten am Nachmittag ein pfeilschnelles Punkrock-Warm-Up als nächsten Gang, das die Menge sofort in Bewegung brachte. Eröffnet wurde mit „Heut ist ein guter Tag“, gefolgt von „Auf sie mit Gebrüll“, „Calling“ und „Wake the Dogs“. Im Mittelteil zündeten „Dead Man Walking“, „Apokalypse Stehplatz Innenraum“ und „Kaputt“ ein wahres Feuerwerk, dem sich niemand vor der Main Stage entziehen konnte. Die DONOTS lieferten den Beweis, dass man nicht zwingend Metal mitbringen muss, um die Breeze-BesucherInnen zu begeistern. In der Summer Breeze-Festivalgruppe wurde übrigens mehrfach ein Stand mit Mini-Donuts aus den Vorjahren vermisst. Wer „Mini-Donus auf die Main!“, forderte, hatte offenbar nicht mitbekommen, dass Maxi-DONOTS die Main bereits abgerissen hatten.
Auf der T-Stage gab es nachmittags abwechslungsreiches Programm in Form von ADEPT aus Schweden und KUBLAI-KHAN TX aus den USA. Die Schweden lieferten einen melodisch-energetischen Metalcore-Auftritt. Highlights waren die Songs „Heaven“, „Black Veins“ und „Shark! Shark! Shark!“.
KUBLAI KHAN TX prügelten ein groove-lastiges, beatdown-getriebenes Set in die Menge, unter anderem mit den Brechern „Supreme Ruler“, „Low Tech“ und „Self-Destruct“
Wer es trotz prall gefülltem Battlefield zwischendurch vor die Main Stage geschafft hatte, bekam es voll auf die 12: HÄMATOM lieferten eine knallige, publikumsnahe Show, die den Platz zum Kochen brachte. Schon der erste Song war der fiese Ohrwurm „Wir sind keine Band“. In der Setlist tauchten auch „Bleib in der Schule“, „Ficken unsren Kopf“ und das MARTERIA-Cover „Kids (2 Finger an den Kopf)“ auf. Besonders bewegend: Die Band erinnerte an den Todestag ihres Bassisten Peter „West“ Haag und widmete ihm den Auftritt. Die Stimmung schwankte dabei zwischen Party-Exzess und stillen Gesten des Gedenkens. Circle Pits vor der Bühne rissen immer wieder neue Zuschauer mit. Bis auf die Campingplätze schallte das „Dab-da-da-daaa“, das das gesamte Infield zum Abschluss bei „Es regnet Bier“ mitgröhlte. HÄMATOM sind einach die Dampfwalze vom Dienst!
BLIND GUARDIAN übernahmen später den Headliner-Slot und zündeten eine best-of-Reise durch ihr Repertoire. Nach einem epischen Intro mit dem Logo der Band und Flammen setzten „The Ninth Wave“ und „Blood of the Elves“ den heroischen Ton für das gesamte Set. „Dinkelsbühl! Unverhofft kommt oft, so schnell sehen wir uns wieder!“, begrüßte Chef-Barde Hansi Kürsch die Menge gut gelaunt und versprach: „Heute wird’s noch ne Schüppe geiler!“. Der üblicherweise sehr redefreudige Fronter versprach, sich mit Ansagen kurz zu halten, was ihm nicht immer gelang. In der Folge reihten sich „Nightfall“, „Tanelorn“, „Time Stands Still“ und „A Past and Future Secret“ aneinander, neuere Stücke wie „Deliver Us From Evil“ fügten sich nahtlos in das Hit-Feuerwerk ein. Kürsch lobte die Mitarbeit des Publikums immer wieder, die natürlich im traditionellen Gänsehautmoment gipfelte: „The Bard’s Song – In the Forest“ wurde minutenlang von Tausenden weitergesungen, ehe „Mirror Mirror“ und „Valhalla“ das Finale markierten. Die Licht- und Videowände unterstrichen die Story-Dramatik jeder Nummer eindrucksvoll. Überall sah man Crowdsurfer und grinsende Gesichter. Ein klassischer BLIND GUARDIAN-Rausch, der noch lange nachhallte.
Wer wollte, konnte danach noch zu OBITUARY an die T-Stage wandern, wo die Band mit wuchtigem Old-School-Death-Metal das Feld beschallte. Das instrumentale „Redneck Stomp“ eröffnete, bevor John Tardy durch grünen Nebel und Strobos ans Mikro trat; es folgten „Threatening Skies“ und „By the Light“. Im Mittelteil rissen „The Wrong Time“, „Infected“, „Body Bag“ und „Cause of Death“ die Gräben bzw. die Pits auf. Das CELTIC-FROST-Cover „Circle of the Tyrants“ verlieh dem Set eine düstere Note, bevor das Tempo nochmal deutlich anzog. Die Bühne war zeitweise in tiefes Rot und Nebel getaucht, der Sound war besser als an der Main. Sänger John Tardy bedankte sich mehrfach und hielt die Ansagen knapp. Die Musik sprach dafür ganz für sich. Die US-amerikanische Institution hat wiedermmal voll abgeliefert!
WARDRUNA verwandelten die Main Stage in der letzten Stunde des sterbenden Tages in eine altnordische Kultstätte. Einar Selvik führte mit wenigen, ruhigen Worten durch ein Set, das mit „Kvitravn“ und „Hertan“ eröffnete und die Menge deutlich entschleunigte. Hier wurde etwas ganz Spezielles geboten, das naturgemäß nicht jedem schmeckt. Aber in der Metal-Szene gibt es viele Sympathisanten des altnordischen Heidentums und somit sind Bands wie HEILUNG und WARDRUNA auf dem Summer Breeze am richtigen Ort. Man muss allerdings offen für diese Art von uralten Geschichten und für den ungewöhnlichen, von Trommeln dominierten Sound sein. „Solringen“ und „Lyfjaberg“ schwebten auf sanften Trommeln und Chorpassagen, bevor „Tyr“ und „Grá“ archaische Kraft entfesselten. „Rotlaust tre fell“ und „Fehu“ bauten den Spannungsbogen bis zum erlösenden „Helvegen“ aus. Die Show verzichtete auf Pyro und setzte stattdessen auf reduzierte, warme Lichtstimmungen und Nebelbilder, die Bildergalerie fängt genau diese Atmosphäre ein. Das Publikum lauschte andächtig, viele mit geschlossenen Augen. Selvik betonte die Verbindung zur Natur und die Kraft alter Lieder. WARDRUNA waren ein kontemplativer Ruhepol zwischen den Metal-Gewittern des Tages.
Spät abends machten HARAKIRI FOR THE SKY für mich auf der T-Stage den Deckel drauf. Die Österreicher Post-Black-Metaler verstehen es wie sonst niemand, hypnotischen, harten Metal zu schreiben, der aus jeder Pure Verzweiflung und Agonie blutet. Im Mittelpunkt der druckvollen Performance stand vor allem das diesjährige Album „Scorched Earth“, von dem auch der Eröffnungssong „Heal Me“ stammte. Unter einem nur diffus sichtbaren Mond konnte man sich zu der pulsierenden Musik ganz seinen Gefühlen hingeben und sich sanft, aber dornenreich ins Bett schwemmen lassen. Songs wie „Funeral Dreams“ oder „Keep Me Longing“ lassen einen langsam ausbluten, ohne dass man etwas davon merkt, bis der Schwindel kommt. Großartig!
Für wen HARAKIRI nichts waren, der konnte sich auch von STATIC-X ins Zelt brüllen lassen. Die Band beendete in der Nacht den Tag mit Industrial-Groove und dicker Nostalgie-Ladung. Der Opener „Get to the Gone“ ließ die Köpfe sofort im Takt nicken, „Cold“ erzeugte große Mitsing-Wellen. Spätestens bei „I’m With Stupid“ war das Feld ein einziges Hüpfen, bevor „Push It“ den finalen Adrenalin-Kick für die Menge brachte. Die Lichtshow setzte auf schnelle Strobes und harte Kanten, passend zu den maschinellen Riffs. Sänger Xer0 erkundigte sich, ob noch alle wach seien und ließ keine Ausreden gelten. Viele feierten den späten Slot als Party-Höhepunkt. Ein würdiger Abschluss für den vorletzten Festival-Tag.

