E-TROPOLIS-FESTIVAL 2021 – Die Liebe in den Zeiten des Corona

Die gute, alte Turbinenhalle – was haben wir hier nicht schon für großartige Konzerte erlebt! Was für Partys haben wir hier gefeiert? An diesen heiligen Ort nach all den trüben Monaten zurückkehren zu dürfen, war ein großes Geschenk. Nur der “kleine Bruder vom Amphi-Festival” ist das E-TROPOLIS schon längst nicht mehr. In Oberhausen die Creme de la Creme der Elektro-Szene zu feiern, ist liebgewonnene Tradition geworden. Um ein Haar hätte das sehr bedenkliche Pandemiegeschehen auch diese Edition des E-Tropolis wieder zunichte gemacht, wie es auch schon 2020 geschehen war. Aber die Inzidenzen und Hospitalisierungsrate in Oberhausen liegt sowohl deutlich unter dem Bundes- als auch unter dem Landesdurchschnitt und so konnte die schwarz-elektronische Party doch noch zelebriert werden. Die Impfzertifikate wurden – was leider selten gemacht wird – am Einlass gescannt, Ausweise genaustens überprüft. Zusätzlich war eine Teststelle eingerichtet, der Schnelltest kostete hier faire 10 Euro. Doch genug von der vermaledeiten Seuche, lasst uns über Musik sprechen!

ZWEITE JUGEND, TORUL, EISFABRIK

Das Festival spielte sich auch dieses Jahr wieder auf der Main- und der 2nd Stage ab. Wie üblich begrüßte Moderator Jens Domgörgen alle Anwesenden und bestätigte nochmal, dass die Veranstaltung bis zuletzt auf der Kippe gestanden hatte. Aber da waren wir! Der Betrieb auf der Main Stage startete um 14 Uhr mit ZWEITE JUGEND. Minimalistischer EBM in Rohfassung, wie aus der Zeit gefallen. Und offenbar auch international nicht unbekannt, wie ein Gespräch mit einigen Schweden ergab, die angaben, hauptsächlich wegen ZWEITE JUGEND angereist zu sein. So richtig international wurde es danach, als die aus Slowenien stammenden TORUL die Bühne enterten. Als Newcomer kann man sie nach sieben Studioalben nicht mehr bezeichnen, aber man hat den Eindruck, dass sich der Bekanntheitsgrad der Synth-Pop-Formation um Namensgeber Torul Torulsson hierzulande momentan erhöht. Mit “Resonate” konnten die sympathischen Jungs sich kürzlich auf Platz 3 der GEWCs vorarbeiten. Der gleichnamige Song kam auch live in Oberhausen sehr gut an. “Thanks for resonating with us”, rief Torulsson glücklich nach dem Auftritt.
Nun wurde der Staffelstab an EISFABRIK übergeben, die gute Stimmung i.d.R. auch dadurch erzeugen, Tanz-Animateure in Yeti-Kostümen in die Menge zu schicken. Wegen Corona unterblieb das dieses Mal. Es war mein erster EISFABRIK-Auftritt ohne diese Zusatzelemente, aber auch so kann die Musik – ganz im Gegensatz zum Namen – mit heißen Rhythmen überzeugen. Wenn da nicht die Sache mit der Technik wäre… Mikrofon 1 versagte und ließ Sänger Charly ungewollt verstummen. Auch nach Austausch des Mikrofons wurde es nicht wirklich besser, hier geschah ein weiterer Totalausfall. Damit nicht genug, die “Schneekanonen”, die eigentlich üblicherweise fein gestreute Schaumflocken in die Menge pusten, blieben ebenso stumm wie das Mikrofon. Betriebsausfall in der Eisfabrik. Unter diesen schweren Bedingungen legte die Band trotzdem einen soliden Auftritt hin und das Publikum jubelte besonders laut, um seine Unterstützung für glücklosen Schneemänner zum Ausdruck zu bringen.

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Fotos: Mirco Wenzel

FIX8:SED8, ABSURD MINDS, [X]-RX, SOLITARY EXPERIMENTS

Auf der 2nd Stage wurde mit FIX8:SED8 und ABSURD MINDS nun auch angepfiffen. Bei ABSURD MINDS fiel die sehr schöne Hintergrundanimation mit 3D-Logo und kosmischen Bändern/Sternenhimmel auf. Soundtechnisch setzen sich leider eher die Probleme von der Main Stage fort. Die Vocals waren sehr laut, die Instrumentierung hingegen zu leise. Die Fans der Band waren trotzdem froh, sie nach all der Zeit wieder auf einer großen Bühne sehen zu dürfen und es war auch ordentlich Bewegung im Publikum.
Apropos Bewegung: Die Jungs von [X]-RX waren wie immer als Botschafter der ultimativen Bewegungsbewegung unterwegs und legten einen bewegenden Auftritt hin mit vielen Ballad….. okay Kommando zurück: Es gab ordentlich auf die Fresse! [X]-RX sind Party und es gab wie immer nur eine Direktive: Tanzt euch die Seele aus dem Leib. Das Publikum folgte und feierte Hits wie “Stage 2”, “Kein Herz” und auch – bezeichnenderweise – “Virus Infect”. Danke Jan und Pascal für diese lang vermisste Eskalation.
Zum Runterkommen gab es danach nichts Besseres als SOLITARY EXPERIMENTS. Die Veteranen des Future Pop aus dem Osten der Republik schafften es mal wieder wunderbar, alle Anwesenden zum Träumen zu bringen. Wir sind alle auf der Suche nach der verlorenen Normalität. Und die festen Pfeiler, an denen wir uns hochziehen und festhalten, sind verlässliche Konstanten wie SOLITARY EXPERIMENTS, die uns schon seit fast 30 Jahren begeistern. Der rituelle Kleiderwechsel von Frank Glaßl – Krawatte und Hemd weg, Unterhemd an, ist genauso vertraut wie die eindringliche Stimme von Sänger Dennis Schober und Hits wie “Delight” oder “Stars” zünden einfach immer.

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Fotos: Mirco Wenzel

XOTOX, HOCICO, INTENT:OUTTAKE

Auf der 2nd Stage ging es nicht weniger “veterinös” zu. Die Altmeister des Rhythm n’ Noise hatten sich angekündigt: XOTOX. Fast so lange wie SOLITARY EXPERIMENTS uns schon mit sanften Melodien verwöhnen, versorgt XOTOX ihre Fans schon mit “geronnenen Geräuschen”. Daran kann man mal wieder ablesen, wie vielfältig die Schwarze Szene glücklicherweise ist. Jeder findet also seine musikalische Heimat auf dem E-Tropolis. Wer zwischendurch auftanken musste, fand wie immer in der Halle 3 ein reichhaltiges Angebot an Speisen und Getränken. Besonderes Lob verdient der vegane Stand: Pulled Soya Burger und Kartoffeln mit Knoblauch-Kräuter-Soße (Pilze waren sogar ausverkauft) mundeten vortrefflich. Oben auf der Empore fand sich auch wieder das beliebte Café mit Cookies, Muffins und anderem Gebäck. Überhaupt war die Aufteilung weitgehend so, wie wir es gewohnt waren und wie es sich seit Jahren bewährt hat.
Mit neuer Energie ging es dann zu HOCICO auf der Main oder zu INTENT:OUTTAKE auf der 2nd Stage. Beide Bands überzeugten durch heiße Rhythmen und besonders Erk Aicrags HOCICO ist bekannt dafür, keine Pausen zu machen oder diese gar im Publikum zuzulassen. Nein, nonstop tanzen ist erforderlich und das in einem absolut haarsträubenden Tempo, begleitet von den üblichen schwer verdaulichen Hintergrundvideos. INTENT:OUTTAKE verlangen ihrem Publikum etwas weniger ab, hier bekommt man zwar durchaus massive Bässe, aber nicht zwingend in Lichtgeschwindigkeit. Die Zuhörer tauchten in die psychodelischen Welten der Truppe aus Leipzig ein und kamen voll auf ihre Kosten.

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Fotos: Mirco Wenzel

CHROM

Was ist das Problem an einem Ein-Tages-Festival? Die Sanduhr rinnt unaufhaltsam und man fühlt sich bisweilen wie eine Eintagsfliege, die in ihrer verbliebenen Lebenszeit möglichst viel leben und Leben aufsaugen möchte. Rumsitzen kommt daher kaum in Frage, bis auf die obligatorische Essenspause. Vier Bands standen noch auf dem Zettel und wie es so Sitte auf Festivals ist, kamen jetzt die Schwergewichte der Szene. Auf der 2nd Stage bekamen CHROM endlich einmal mehr Spielzeit eingeräumt als noch in den letzten Jahren und durften eine ganze Stunde lang ihren Future Pop auf die Menge loslassen. CHROM stehen für besonders liebevoll gebastelte Synthies und daher bleiben Songs wie “Loneliness” oder “Memories” auch lange im Gedächtnis (“Memories” bleibt lange im Gedächtnis, äh ja. No pun intended). Eine überraschende Wendung des Schicksals hatte CHROM-Keyboarder Thomas am Morgen des Festivals mit einen positiven Corona-Test trotz Impfung eingebracht. Wir sehen daran, dass regelmäßige Tests auch für Geimpfte ratsam erscheinen. Das jüngst von Jens Spahn so betitelte “2G plus-Konzept” sieht auch für Geimpfte die Empfehlung für regelmäßige Schnelltestes vor. Wir wünschen Thomas Winters an dieser Stelle einen milden Verlauf. Ersatzmann Kim Hoffmann zeigte sich nach dem Gig recht selbstkritisch (“Mann, hab ich geschwitzt. Auch wenn ich ab und an etwas neben dem Takt lag, war es doch ein Mega-Gig. Ich werde ab jetzt wieder mehr üben”), aus Zuschauersicht kann man aber nur konstatieren: Es war famos! CHROM ist eben nicht irgendeine Synth-Pop-Band, sondern die Songs nisten sich nachhaltig in Kopf und Herz ein und man hat auch noch Tage nach den Konzerten immer wieder Lust, zu den Kopfhörern zu greifen und sich in diese Klänge zu vertiefen. Zudem ist auch die sehr abwechslungsreiche Videoshow noch eine Erwähnung wert. Hier hat ein Graphikdesigner offenbar tief in die Werkzeugkiste gegriffen und dem eleganten CHROM-Logo immer wieder neue Hintergründe und Farbschemata verpasst. Das sind nur kleine Dinge, die aber dazu beitragen, dass ein solches Konzert die nötigen Gefühle kanalisieren kann und das Publikum möglichst auf allen Sinnen erreicht wird. Was bleibt uns abschließend noch zu sagen? Nur eins: Wir würden uns sehr über ein neues Album freuen, Jungs!

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Fotos: Mirco Wenzel

COVENANT, DIORAMA

COVENANT! Wieder so ein Urgestein. Die Schweden rund um Eskil Simonsson haben auch schon länger keinen Langspieler mehr veröffentlicht, aber selbstverständlich tut das ihrer Popularität und ihrem Kult-Status keinen Abbruch. Beim Konzert in Oberhausen auf der Main Stage waren sie sogar hin und wieder durch den Nebel hindurch sichtbar, das Erlebnis war also keineswegs nur akustisch. Es ist müßig, darüber zu schreiben, dass jeder Hits wie “Call The Ships To Port” kennt und wie selbstverständlich mitsingt und mittanzt, egal ob im Club oder hier bei der Live-Experience. Man sollte sich viel mehr anschauen, ob eine Band nach über 30 Jahren Bestehen immer noch das gewisse Etwas hat und ob das Konzept live noch funktioniert und ob sie noch neue Ideen haben. Bei COVENANT muss man nicht lange über diese Fragen nachdenken. Die ungewöhnliche Mix-Version von “Lightbringer”, die in der Turbinenhalle ertönte, war eine willkommene Abwechslung. Daniel Myer, auch bekannt von Haujobb, Destroid oder Architect, bewies auch mal wieder Wandlungspotenzial und übernahm wie “Ritual Noise” die Trommelei. Natürlich durften die großen Hits trotzdem nicht fehlen und leider schlugen die Soundprobleme auch bei diesem Auftritt wieder zu und zwar beim erwähnten “Call The Ships To Port”. Der Tonausfall hielt sich aber zum Glück in Grenzen, sodass wir das Konzert trotzdem voll genießen konnten.
Und wieder rüber zur 2nd Stage, um uns in die warme Umarmung von DIORAMA zu flüchten. Musik ist Gefühl, das dürfte jedem klar sein. Und auch wenn DIORAMA oft nicht gerade über positive Gefühle singen, so gelingt es der famosen Gruppe um Torben Wendt doch absolut immer, alle Schranken zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum zu durchbrechen. Die mal harten, mal weichen Klänge von DIORAMA fließen geschmeidig in eine Gussform, erkalten zu einem individuellen Schlüssel und öffnen mühelos alle Türen zu den Seelen ihrer Zuhörer. Auch als DIORAMA-Veteran wird man von der Intensität der Darbietung immer wieder überwältigt. Mit Felix Marc hatten wir leider eine weitere krankheitsbedingte Abwesenheit zu verdauen, aber genau wie bei CHROM gab der Ersatzmann Helge Wiegand alles und harmonierte wunderbar mit Torbens Vocals. Und so konnten wir 01:15 h lang diese besondere Verbindung spüren und zudem noch das ein oder andere “Tiny Missing Fragment” bewundern. Denn allzu viele Gelegenheiten, die neuen Songs live zu erleben hat es noch nicht gegeben. “Horizons” z.B. fühlt sich trotzdem nicht neu an, es fügt sich nahtlos in dieses Wunderwerk aus Manna namens DIORAMA ein und trifft den Nagel auf den Kopf. “Synthesize Me” wird mittlerweile live auch in einer anderen Version geboten, als die “handelsübliche”. Weniger sphärisch, dafür härter und physischer, hämmert der zeitlose Song am Ende des Sets nochmal alle Unebenheiten aus dem Gesamtkunstwerk namens E-Tropolis. Fast hätten wir vergessen, dass es noch einen anderen Headliner gibt. Aber nur fast!

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Fotos: Mirco Wenzel

FRONT 242

Die belgische Abrissbirne FRONT 242 aus dem benachbarten Belgien ist in ihrer Intensität nicht für jeden Festivalbesucher geeignet.
Manch ein Zartbesaiteter wird allein durch die Wucht des Klangs rückwärts wieder aus der Turbinenhalle 1 rausgedrückt. Diese geistige Neumöblierung muss man wollen. Und viele wollten! Es war rappelvoll und die Schockwellen von der Bühne liefen durch die ekstatische Menge wie Messer durch warme Margarine. Das Set begann, obwohl es sich um die letzte Band des Tages handelte mit “First In / First Out” und setzte sich mit dem uralten Song “Take One” fort. Wenn ich hier noch einmal “Veteran”, “Urgestein” oder Ähnliches schreibe, köpft mich meine Chefredakteurin, aber… FRONT 242 sind Ikonen. Punkt. Die ersten vier Songs stammten allesamt aus den 80ern, aber ein komplettes Retro-Set wurde es trotzdem nicht. Man muss dazu anmerken, dass die Belgier schon lange keine komplett neue Musik mehr veröffentlicht haben, sondern in den letzten Jahren überwiegend Livealben sowie Remastered-Versionen. Dennoch gibt es Songs neuen Datums wie “Generator”, “Deeply Asleep” oder “Fix it”, die einfach nur bislang auf keinem konventionellen Release auftauchen und trotzdem regelmäßig gespielt werden. So oder so – es war wie immer bei dieser Band eine riesen Party und ein ganz fettes Ausrufezeichen. FRONT 242 wirken immer zu groß für eine Location, egal für welche. Diese Lautstärke durchdringt einfach alles und jeden und will sich ausbreiten. Das gleiche Phänomen konnte man stets bei THE PRODIGY beobachten und wenn eine Band mit ihren unschlagbaren Breakbeats Keith Flint da oben noch erreichen kann, dann FRONT 242. Leider war nach der Zugabe “Until Death (Us Do Part)” und “Welcome to Paradise” dann wirklich Schluss. Nach dieser Dampfwalze war längst nicht jeder schon fit für die Aftershowparty, aber doch noch genug, um den Umstand zu würdigen, dass das möglicherweise eine der letzten großen Veranstaltungen mit dem aktuell recht liberalen Konzept gewesen sein könnten.

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Fotos: Mirco Wenzel

Danke, E-Tropolis für deinen Mut, die Veranstaltung durchzuziehen und trotzdem größtmögliche Vorsicht walten zu lassen. Es hat sich gut angefühlt, wieder bei diesem famosen Event zu feiern. Die Blicke richten sich schon auf das Amphi-Festival im nächsten Sommer und natürlich auf das nächste E-Tropolis. Das wird aber nicht wie sonst im März stattfinden, sondern im September.