FROZEN PLASMA & BEYOND BORDER – Konzertsommer im Revier

“Nicht mein Zirkus – nicht meine Affen” lautet ein polnisches Sprichwort, um sich von bestimmten Vorgängen zu distanzieren.
Doch am vergangenen Wochenende traf das absolut nicht zu, denn “unser” Zirkus war endlich wieder geöffnet. Auf ein Kind freut man sich neun Monate lang und fast genauso lange war auch hier die Wartezeit, nachdem im Oktober letzten Jahres die letzten Töne von [:SITD:] beim ersten Konzertsommer im Revier verklungen waren. Die frisch gebackenen “Eltern” Peter Jurjahn und Jan Winterfeld präsentierten nun an diesem Wochenende mit THE DARK TENOR und FROZEN PLASMA den ersten Konzertnachwuchs des Jahres.

Und das Warten hat sich gelohnt: Das Gastro-Vorzelt wurde deutlich vergrößert, um die Mindestabstände einhalten zu können. Man merkt vor Ort deutlich, dass sich die Veranstalter nicht damit zufriedengeben, irgendetwas anzubieten. Nein, hier soll mit gutem Gefühl gefeiert werden und das gelingt auch vortrefflich. Die Vorfreude, die in der Luft lag, war jedenfalls fast schon mit Händen zu greifen. Natürlich profitiert man hier auch von den Erfahrungen aus dem letzten Jahr. Die Einlasskontrollen sorgen dafür, dass nur die berühmten drei Gs (Geimpft, Genesen, Getestet) Zutritt erhalten. So können alle mit freiem Kopf der Lieblingsbeschäftigung nachgehen.
Man muss zusätzlich auch noch die Flexibilität im Planungskonzept hervorheben. So wurde zunächst nur das Kartenkontingent freigegeben, das bei Start des Vorverkaufs den geltenden Corona-Richtlinien entsprach. Aber als das Land NRW weitere Lockerungen verkündete, reagierte man sofort und stellte weitere Tickets in den Vorverkauf, sodass auch die durch den frühen Ausverkauf bei FROZEN PLASMA Enttäuschten noch zum Zuge kamen. Zudem wurde für 2er-Karten ein Logenupdate angeboten (und auch problemlos über E-Mail abgewickelt, wie der Autor aus eigener Erfahrung erleben durfte) und der Kauf von Einzelkarten ermöglicht.

Soviel zur Vorbereitung und Durchführung des Events, aber wie war es nun eigentlich?
Mit einem Wort: Bombastisch! Selbst die letztes Jahr schon exzellente Soundanlage wurde offenbar nochmals aufgemotzt, was man sofort bei Eröffnung von BEYOND BORDER zu spüren bekam. Die Hildesheimer beehrten das Publikum mit einem ihrer noch seltenen Liveauftritte. Zuvor hatte die recht junge Combo (nicht jung an Jahren, aber relativ frisch gegründet, Anm. d. Red. ;-)) schon im Netz von sich reden gemacht und unter anderem die Single “Pry Open” feat JAN REVOLUTION veröffentlicht.
Kai “Iggy” am Mikro und Deity an den Tasten mussten nun beweisen, dass sie auch Livequalitäten besaßen und dieser Beweis wurde mehr als erbracht. Wenn man den Enthusiasmus des Publikums und das viele BB-Merch im Publikum als Gradmesser betrachtet kann man nur sagen: Die junge Band ist bereits bestens etabliert. Es ist vielleicht etwas früh, von “Klassikern” zu sprechen, aber Titel wie “Neurotic” und “Stand” wurden auch schon fleißig mitgesungen und bei “What Makes The World Go Round” flogen aufblasbare Weltkugeln in die Menge. Somit war dieses Konzert wahrhaft “weltbewegend” (‘schuldigung). Mit “The Darkest Night” gab es zudem noch eine waschechte Premiere. Granatenstarker Gig, Jungs! Da ist in Zukunft noch viel drin in der Beyond-Border-Box, soviel steht fest.

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Fotos: Cynthia Theisinger

SETLIST BEYOND BORDER

1. Construction
2. Neurotic
3. Pry Open
4. Where Are You
5. The Damned Don’t Cry (VISAGE Cover)
6. The Darkest Night
7. What Makes The World Go Round
8. Stand

Warmgelaufen war das Publikum jetzt definitiv und anders als der Name vermuten ließe, konnten FROZEN PLASMA die Hitze sogar noch um einige Grad steigern, als die beiden Tausendsassas in die Manege fegten. Vasi und Felix sind mit allen Wassern gewaschen und beide Vollprofis. Und doch merkte man in den letzten Monaten, wie sehr die ganze Pandemie doch an den Nerven zerrt und an die Substanz geht. Die Künstler haben sehr unter den monatelangen Auftrittsverboten gelitten und diese Branche wurde einfach zu wenig gehört. Wenn die Mikrofone im Keller verstauben, hört man diese liebgewonnen Stimmen plötzlich nicht mehr – zumindest scheint das für die Entscheidungsträger zu gelten. Nun also sollten der Staub, die Tränen und die Sorgen der vergangenen Zeit abgeschüttelt werden. Mit Songs wie “Sailor” vom aktuellen Album “Gezeiten” startete der Befreiungsschlag von FROZEN PLASMA und direkt danach wurde der “Speed Of Life” von Lockdown-Standby auf Betriebsgeschwindigkeit erhöht. Das Publikum hatte das Tanzen keineswegs verlernt und es war wundervoll zu spüren, dass wir alle noch da sind und noch wissen, wie man diesen Energiefluss zwischen Band und Zuhörern herstellt und sich von der Musik energetisch aufladen lässt. Eine Blüte in der Bandgeschichte war erst kürzlich erblüht, als FROZEN PLASMA einen Song aus ihrer Jugend wiederaufleben ließen, nämlich “Mad Desire”, veröffentlicht von DEN HARROW (allerdings gesungen von TOM HOOKER). Der Italo Disco-Klassiker mit dem sehr eingängigen Rhythmus ließ etliche versammelte Kinder der 80er schlagartig jünger werden. Ein absolut hörenswertes Cover. Für Freunde des 2019er-Albums “Dekadenz” folgte nun ein Doppelpack aus “Faith Over Your Fear” und dem Dance-Hit “Crazy”, bevor Felix Marc in der Mitte des Sets seine wundervolle Solo-“Heartbox” für uns öffnete.

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Fotos: Cynthia Theisinger

“GE-FÜHLS-MA-SCHI-NE” – der Buchstabierwettbewerb für die eifrigen Plasmaten gehört längst in jedes Set und diese Maschine wird durch die Stimmen der Fans angetrieben. Tempolimit war an diesem Abend jedenfalls kein Thema, denn rund um die kreisrunde Bühne wurde nach wie vor ausgelassen getanzt und gesungen. Es gibt einige Songs, die live besonders gut funktionieren und dieser gehört sicherlich dazu. Die personifizierte “Gefühlsmaschine” stellte Felix selbst dar, der wie eh und je herumsprang und mit unermüdlicher Bein- und Armarbeit überzeugen konnte. Auch Vasi Vallis merkte man die fast kindliche Freude über die Möglichkeit, endlich wieder live spielen zu können, an. FROZEN PLASMA steht einfach für juvenile Agilität. Vasis spritzig-jugendlicher Elan und Felix’ ansteckende Freude an Bewegung sorgen dafür, dass Plasma-Konzerte oftmals mehr Energie spenden, als kosten. Mit “Murderous Trap” schloss sich auch gleich der nächste unverzichtbare Klassiker an und die zunehmende Hitdichte verdeutlichte, dass man sich dem Ende des Sets näherte. Beim letzten regulären Song “Living On Video” vermisste man die sonst übliche Videoleinwand mit der Darstellung uralter Videospiele und dem Tanzwuschel, aber auch so ging die Party noch einmal kräftig ab. Der Abgang aus der Manege und das Rauschen durch den roten Vorhand ließ die Menge der Band selbstredend nicht durchgehen. Es wurde applaudiert und gebrüllt, was die beanspruchten Kehlen noch hergaben und das rhythmische Trampeln auf den Boden nötigte wohl selbst den hauptberuflichen Trampeltieren hinter dem Zirkuszelt Respekt ab. (Diese possierlichen Tierchen zogen auch abseits vom Bühnengeschehen wieder mal einiges an Aufmerksamkeit auf sich, wie Foto- und Filmaufnahmen von Krischan Wesenberg, der uns bei diesem Konzert den hervorragenden Sound an den Reglern bescherte und VASTÈ bewiesen).
Und so kamen Felix und Vasi nicht umhin, noch einmal auf den Sand der Arena zurückzukehren und den hungrigen Schnäbeln der Wartenden drei weitere Leckerbissen zu servieren. “Hypocrite”, “Irony” und natürlich die uralte Hymne “Tanz die Revolution” – dann war aber wirklich Schluss in Gelsenkirchen und die glückliche Menge strömte zum Merch und dann ins Vorzelt, um den Abend mit aufgeladenen Batterien ausklingen zu lassen.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Der “Konzertsommer im Revier” ist zurück – das Dreamteam aus Kulttempel, Pluswelt Promotion und Zirkus Probst rettet euren Sommer – schon wieder! Seid dabei – kauft Tickets. Denn es gibt noch viele weitere Gigs zu erleben. Mehr auf www.kir.deinetickets.de

SETLIST FROZEN PLASMA

1. Sailor
2. Speed Of Life
3. King Of Pain
4. Mad Desire (DEN HARROW/TOM HOOKER Cover)
5. Westend
6. Crazy
7. Faith Over Your Fear
8. Heartbox (Felix Marc Soloprojekt)
9. Home
10. Chameleon Love
11. Gefühlsmaschine
12. Murderous Trap
13. Living On Video

14. Hypocrite
15. Irony
16. Tanz die Revolution