Fit for Festivals – Teil 4: Die 11 goldenen Regeln des Crowdsurfens

Der Festivalsommer steht vor der Tür – damit du ihn möglichst stressfrei erleben kannst, ist eine vernünftige Planung oft unerlässlich.

In unserem vierten Teil der “Fit for Festivals” Guides haben wie die wichtigesten Regeln zum Crowdsurfen zusammengestellt. Außerdem haben wir diejenigen interviewt, die euch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

 

Die Festivalsaison steht vor der Tür und du freust dich schon, bei deiner Lieblingsband über den Köpfen aller nach vorne Richtung Bühne zu surfen? Dann haben wir hier für dich einmal die 11 goldenen Regeln zusammengestellt, damit der Höhenflug nicht zum Sturzflug wird und alle Beteiligten Spaß an der Sache haben. Im Anschluss an die Regeln haben wir auch mal “die andere Seite” mit denen, die euch dann aus der Menge fischen, zu Wort kommen lassen.

Katja Borns – www.kabo-photografix.de

Crowdsurfen – Höhenflug statt Sturzflieger

  1. Körperspannung: Ein nasser Sack lässt sich ziemlich schwer über den Köpfen transportieren. Erinnert ihr euch noch an den 2017er Trend des Plankings? Ja genau, die Körperspannung eines gekreuzigten Jesus nach eingetretener Leichenstarre ist optimal!
  2. Utensilien sicher verstauen oder besser noch vorher bei Freunden abgeben – ansonsten finden Brille, Hut, Handy oder Geldbörse schnell einen neuen Eigentümer. Hierbei sei zu beachten, dass die Geldbörse gut gefüllt und das Handy nicht älter als ein Jahr alt sein sollte, möglichst das Top-Modell von Samsung oder Apple. Damit der neue Besitzer auch allen Grund zur Freude an deinen Besitztümern hat und immer wieder gerne Crowdsurfer weiterträgt!

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  3. Körperhygiene – damit nicht nur für dich der Segelausflug über der Menge ein positives Ereignis wird, sondern auch die Menschen unter dir dich gerne tragen und die Grabensecurity dich sicher in Empfang nehmen kann, wäre es von Vorteil, wenn du als metallisch zivilisierter Mensch zu identifizieren bist. Wenn du nämlich eher einem stinkenden Warzenschwein nach einem Schlammbad gleichst und zudem eventuell durch Schweiß und Sonnencreme einen Schmierfilm auf der Haut hast, könntest du Probleme bekommen. Die Bereitschaft, “das Ding aus dem Sumpf” in tragender Weise berühren zu müssen geht dann schnell einher mit der haptischen Herausforderung, einen glitschigen Körper überhaupt sicher packen zu können.
  4. Katja Borns – www.kabo-photografix.de

    Wenn du nicht mehr gerade stehen kannst, solltest du auch nicht mehr surfen – etwas zu viel Sonne auf dem Kopf, das eine oder andere Bier zu viel in Kombination mit ungewohnter Höhenluft und unrhythmische Geschüttele birgt für den menschlichen Organismus die Gefahr, sich einem dieser Störfaktoren entledigen zu wollen. Am schnellsten geht das natürlich mit dem Mageninhalt. Wenn dieser quasi als Dusche auf die anderen herabströmt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass schnell niemand mehr da ist, der dich vor dem raschen Weg nach unten bewahrt.Und eine Bruchlandung aus 2 Metern Höhe kann richtig gut wehtun. Das überlasse lieber der Nachbarskatze, die hat wenigstens sieben Leben!

  5. Darf’s ein bisschen mehr sein? An der Wurst- oder Käsetheke im Supermarkt sagen wir selten nein, wenn man aber mit den Jahren ein Kampfgewicht auf die Beine stellt, das die Konstruktion jedes handelsüblichen Campingstuhls unweigerlich zur Kapitulation zwingt, ist vom Crowdsurfen bitte abzusehen.
  6. Wenn du vor lauter Surfern die Bühne nicht mehr sehen kannst, warte ein wenig ab – irgendwann kommen die Jungs im Graben auch an ihre Kapazitätsgrenzen. Denn auf Festivals werden nach wie vor als Grabensecurity auch nur Menschen eingestellt, die über die nicht mehr als zwei Arme verfügen. Sind diese gerade belegt, könnte euer Abgang in den Bühnengraben ein wenig unsanft ausfallen. Aber wer weiß, eventuell übernimmt eines Tages ein Trupp von Oktopoden (ja, das ist der korrekte Plural von Oktopus) den Posten der Grabensecus – acht Arme sind besser als zwei.

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  7. Kein Violent Dancing in der Luft –  mal kurz die Hände in die Höhe zum Jubeln ist ok – aber bitte nicht wild rumzappeln oder – noch schlimmer – um sich treten. Wer meint, sich über den Köpfen der Menge wie eine wildgewordene Windmühle verhalten zu müssen, darf sich nicht wundern, wenn er in Windeseile zwei Meter tiefer unten liegt!
  8. Um Abstürze zu vermeiden – sich bemerkbar machen! Und ja, es gibt sie, die Bands bei denen die Pitgefahr (und damit die Gefahr abzustürzen) einfach zu hoch ist.  Manchmal kommt man am Rand noch gut vorbei, aber mittig zum Pit einen Surf zu starten ist meistens eine dumme Idee. Dann kommt zum Absturz noch ein wilder Pogopit auf dich zu und zu deiner Rippenprellung gesellen sich noch ein paar schöne blaue Flecken. Es empfiehlt sich also, das Publikumsverhalten der Bands erst einmal zu beobachten, um die Pogo-Pit-Wahrscheinlichkeit richtig einschätzen zu können.

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  9. Nicht übertreiben: Klar macht es Spaß – aber wenn man mehr in der Luft als auf dem Boden ist, sollte man darüber nachdenken, ob andere nicht vielleicht auch mal wollen (siehe Punkt 5 – Stau in luftigen Höhen ist nicht gut)
  10. Im Graben den Anweisungen der Security unbedingt Folge leisten – mal kurz nen Gruß Richtung Bühne ist ok,  aber Wurzeln schlagen ist nicht angesagt, ansonsten werden diese schnell fachmännisch ohne Diskussion gekappt!
  11. Don’t drink and surf: Das ist wörtlich gemeint. Egal ob Cola oder Bier oder Wasser – wenn ihr schon auf Händen getragen werdet, dann verzichtet darauf, eure Träger zu duschen.

Crowdsurfen aus der Sicht derjenigen, die euch aus der Luft fischen

Was sind das für Menschen, die da direkt vor der Bühne stehen, und euch nach eurem höhenflug wieder zurück auf die Erde stellen? Wir habe für euch einmal Wido, Markus und Männe, drei Grabenschlampen – die Security aus dem Bühnengraben des Summer Breeze Open Airs und des Rockharz Festivals – gefragt, was sie denn da so machen und wie es dazu kam.

Katja Borns – www.kabo-photografix.de
Was sind die Grabenschlampen?  Seit wann gibt es sie?

Wido: Wir sind hauptsächlich für den Bühnengraben und damit verbunden die Crowdsurfer verantwortlich. Uns gibt es seit 2000.

Markus: Wir sind Ordner des Veranstalter und hauptsächlich im Bereich der Bühnen eingesetzt!

Männe: Wir sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus überwiegend Metal-Fans – nicht selbstlos dabei, aber aus viel Spaß am Ganzen und dazu da, um unter anderem die Crowdsurfer runterzupflücken. Die Grabenschlampen sind seit 2000 beim Breeze dabei, die Namensgebung kam etwas später… 2003?

Wie bist du Grabenschlampe geworden? Seit wann machst du das?

Wido: Ich wurde 2012 von einen ehemaligen Freund mitgenommen.

Markus: Direkt durch den Veranstalter, mache das jetzt schon 18 Jahre

Männe: 2000 sagte die Secu ab und ich wurde gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen… 2002 gab es eine Auszeit wegen eines Hochwassereinsatzes mit der BW. Ich bin somit 18 Jahre Grabenschlampe.

Wo trifft man euch überall?

Wido: Summer Breeze, Rockharz und ein paar kleinere Festivals / Konzerte

Männe: siehe Wido 🙂

Was ist euer Lieblingsfestival?

Wido: Rockharz.

Markus: Summerbreeze.

Männe: Hmmm, schwierig… das Breeze ist mir an Herz gewachsen, das Rockharz ist familiärer…

Was sind das für Menschen, die da direkt vor der Bühne stehen, und euch nach eurem höhenflug wieder zurück auf die Erde stellen? Wir habe für euch einmal Wido, Markus und Männe, drei Grabenschlampen – die Security aus dem Bühnengraben des Summer Breeze Open Airs und des Rockharz Festivals – gefragt, was sie denn da so machen und wie es dazu kam.
Kann bei euch jeder mitmachen? Was sind die Voraussetzungen, um eine Schlampe zu werden?

Wido: Prinzipiell ja, körperliche Belastbarkeit ist von Vorteil.

Männe: Klar, wir suchen immer Verstärkung im Team. Eine gewisse Grundfitness sollte vorhanden sein, aber sowohl der Obelix als auch der abgebrochene Spargeltarzan finden bei uns ihren Platz.

Steht ihr nur im Bühnengraben oder macht ihr auch was anderes?

Wido: Teilweise sind wir noch um die Bühne herum zu finden.

Markus: Wir sind auch noch auf den Bühnen, ebenso wie in den Wellenbrechern,  FOH Towern und bei den Behindertenpodesten zu finden.

Männe: Bei kleineren Veranstaltungen machen wir auch einen Rundum-Service (Bühne, Gelände, Eingang, Backstage, etc.).

Was war das Skurilste, was dir je bei der Arbeit als Schlampe passiert ist?

Wido: Mit Handschellen gefesselter Crowdsurfer, der den Schlüssel verschluckt hat.

Markus: Komplett nackter Crowsurfer.

Männe: Crowdsurfer kam in einer Mülltonne…

Was können wir als Besucher tun,  um euch die Arbeit zu erleichtern?

Wido: Crowdsurfen am besten mit Körperspannung.

Männe: Körperspannung und ab und zu mal duschen während des Festivals. 120 kg “plus” Brocken über die Köpfe zu quälen hat nichts mit Surfen zu tun..

Wie hoch ist das Risiko, sich zu verletzten? Was sind so typische Schlampen Verletzungen?

Wido: Wenn man aufpasst, relativ wenig.

Markus: Definitiv Rücken, und auch schon mal die Füße.

Männe: Rücken, Füße, Körper… 🙂  

Wie sieht euer Wunsch Crowdsurfer aus?

Markus: Gute Körperspannung und gechillt.

Wido: Jung, weiblich, leicht.

Männe: Weiblich, jung, frisch geduscht, leicht…

Was ist deiner Meinung nach das A und O des Crowdsurfens?

Markus: Ebenfalls gute Körperspannung, niemanden zu verletzen und die Achtung vor den anderen Besuchern.

Männe: Körperspannung und wenn man bei der Grabenschlampe seines Vertrauens ist, nicht rumzappeln, sondern mitmachen. Die Besucher, die den Surfer tragen, brauchen ihn nicht aus der 2. Reihe zu uns schmeißen… (dabei passiert das meiste).

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Hast du dich jemals vor einem Crowdsurfer geekelt? Generell: Findest du es schlimm wenn Besucher  nach dem Motto „Duschen ist kein Heavy Metal“ leben?

Markus: Job ist Job.

Wido: Gehört dazu.

Männe: Das Leben ist kein Ponnyhof.

Wie entspannst du nach einem harten Festivaltag?

Markus: Gut essen, Dusche, schlafen.

Wido: In der Hängematte im Garten.

Männe: Duschen und ein Bierchen.

Hast du ein Einstimmungsritual, um dich auf ein Festival vorzubereiten?

Markus: Eigentlich nicht, eine lange Vorfreude auf das Festival und das Treffen vieler Freunde reicht.

Wido: Nö.

Männe: XXX zensiert XXX

Was gefällt dir am besten an der Arbeit als Schlampe?

Markus: Der Kontakt zu den Menschen, den Bands, Fotografen, die Musik, eigentlich einfach alles.

Wido: Die Kollegen, die Atmosphäre auf dem Festival.

Männe: Markus und Wido haben es treffend gesagt.

Was sind die Schattenseiten des Jobs?

Markus: Dass es bis zum nächsten Festival immer so lange hin ist, und natürlich der obligatorische Rücken.

Wido:  Ahab.

Männe: Am Ende ist alles vorbei.

Wir hoffen, euch hiermit einen Einblick vom Surfen über den Wolken – ähm – Köpfen – gegeben zu haben und auch mal diejenigen näher zu bringen, die euch dann letztendlich auf den Boden der Tatsachen zurückstellen.

Vielen Dank an dieser Stelle an unsere unermüdlichen Grabenschlampen, die einfach nicht kaputt zu kriegen sind (ich spreche da aus Erfahrung) und euch alle nach eurem Höhenflug wieder sicher landen lassen.Ohne euch würde den Festivals was fehlen!

Man sieht sich spätestens auf dem Summer Breeze oder Rock Harz.

Katja Borns – www.kabo-photografix.de