Plage Noire 2018 – und der Weißenhäuser Strand färbte sich wieder schwarz

Ursprünglich geschrieben für stagr.de

Freitag

Nach unserer Ankunft beim Plage Noire 2018 gibt es für uns erst einmal die Location zu begutachten, den Ferienpark Weißenhäuser Strand. Der Park vereint jede Menge Apartmenthäuser und Ferienwohnungen, die als Unterkunft für die Besucher bereitstehen. Für wen der Komfort eher zweitrangig ist, der hat nebenan auch die Wahl, auf dem Campingplatz zu nächtigen. Allerdings ist es Ende April und draußen noch entsprechend kühl. Hardcore-Camper schreckt das ja aber selten ab. Ergänzt werden die Apartmentblocks durch eine abwechslungsreiche Restaurantmeile und es bieten sich eine Vielzahl an Freizeitbeschäftigungen an. Vom Kinderspielplatz, Abenteuer- Dschungelland bis zur Kegelbahn gibt es hier alles.

In Bezug auf die Familienfreundlichkeit und den Komfort sucht das Plage Noire 2018 im Vergleich mit anderen Festivals seinesgleichen. Des weiteren gibt es in unmittelbarer Nähe natürlich den Ostseestrand mit wunderbarem Blick aufs Meer inklusive. Da es zum Baden noch viel zu kalt ist, gibt es hier anderweitig Abhilfe, denn das subtropische Badeparadies lädt zum Abschalten oder Spaß haben im Wasser ein. Das Hauptaugenmerk liegt an diesem Wochenende aber natürlich auf dem musikalischen Programm. Für die verschiedenen Künstler sind drei Bühnen aufgebaut: La Chapiteau – die gewaltige Zeltbühne, Salle de Fête – der Veranstaltungssaal der Ferienanlage und La Rotonde – eine kleinere Bühne etwas abseits. Aber nicht nur auf den Bühnen gibt es Shows zu begutachten, der Catwalk für die Modeshows ist mitten in der Galerie zwischen den Restaurants aufgebaut. Genretypische Mode wird dort hautnah erlebt.

Das Festival beginnt für uns mit Ost+Front. Nach einem langem Intro zum Einzug geht es direkt in die Vollen mit „Adrenalin“ über „Fiesta de sexo“ und „Afrika“. Nicht lange kommen wir in den Genuss der Berliner Neue-Deutsche-Härte-Band, denn nebenan wartet schon das nächste Highlight auf uns. Während Herrmann Ostfront und Co. noch rocken, geht es für uns weiter zu Noisuf-x im Salle de Fête. Das Ein-Mann-Electro-Projekt sorgt für Club-Feeling und bringt langsam Fahrt in die noch etwas von der Anreise erschöpften Musikbegeisterten. Also ab dafür und schwingt das Tanzbein.

Derweil bereiten sich Megaherz im La Chapiteau auf ihr Konzert vor. Das Zelt sieht noch etwas leer aus. Aber die Gesamtmaße sind so geplant, dass zu Stoßzeiten sämtliche Besucher des Festivals bequem dort Platz finden können. Apropos bequem Platz finden: Dort wo die anderen Bühnen nur eine bzw. mehrere Theken zu bieten haben, gibt es im La Chapiteau neben einer Rollibühne auch noch weitere Tribünen mit Sitzgelegenheiten – es sind war nur Klappstühle, aber jeder Festivalgänger freut sich nach einiger Zeit auf den Beinen er jegliche Sitzmöglichkeit. Hier befindet sich auch die VIP-Bühne, ausgestattet mit gemütlicheren Sitzgelegenheiten und eigener Theke. Durch die große Weite im Saal lässt leider die Stimmung am Anfang noch etwas auf sich warten. Megaherz lassen sich davon aber nicht beirren, also „Vorhang auf“ und Bühne frei.

Im dagegen winzigen La Rotonde ist die Stimmung bei Apron richtig am Kochen. Kein Wunder, in der ersten Reihe ist man nahezu auf Tuchfühlung mit Frontsänger Till Herence. Die Bands der kleineren Hallen lassen sich aber auch außerhalb der Hallen über Monitore live mitverfolgen, für Besucher denen es dort drinnen zu eng ist. Zurück zu Megaherz, wo es beim Hit „Zombieland“ endlich voller und voller wird. Die Hits zum Mitsingen „Glorreiche Zeiten“ und „Himmelsstürmer“ gibt es direkt hinterher. Auffällig und eindeutig positiv beim Plage Noire 2018 ist: Die Setlist aller Bands sind sehr lang und haben mit 75 Minuten – eher Konzert-Ausmaße. Für uns geht es nun aber wieder Richtung Salle de Fête zu Solar Fake. Auch hier machen sich die kühleren Außentemperaturen bemerkbar. Wo bei Noisuf-x der Saal „nur“ voll war, platzt er jetzt bald aus allen Nähten. Aber Platz zum Tanzen finden die begeisterten Fans immer. Und so verlangt Sänger Sven Friedrich nicht nur den Fans eine Menge ab, sondern lässt auch den Sauerstoffgehalt der Luft schwinden.

Nach einigen tiefen Atemzügen an der frischen Luft geht es zurück ins La Chapiteau, wo sich Mono Inc. schon mal bereit machen. Die Menge nach dem Auftritt von Megaherz hat sich mittlerweile ordentlich vergrößert. Die fallenden Temperaturen draußen scheuchen auch die letzten unentschlossenen vor die Bühnen. Mono Inc. eröffnen ihr Programm mit „Together Till the End“ und bieten weiterhin „The Banks of Eden“ und „Arabia“ dar. Freudig verkündet Frontmann Martin Engler, dass die Band einen speziellen Gast mitgebracht habt – Roland Zeidler, mit dem sie „Potter’s Field“ und „Wonderful Life“ stimmstark zum Besten geben.

Nach dieser Show genehmigen wir uns erstmal eine kurze Pause und gesellen uns danach wieder ins große Zelt, vor die Bühne des Headliners am ersten Festivalabend. ASP eröffnen ihre Show mit „Mondscheinsirenade“, weiter geht es mit „Duett“, „Eisige Wirklichkeit“ und „20.000 Meilen“. Zu „Werben“ serviert Gitarrist Sören Jordan ein exzellentes Solo. Dies ist der letzte Live-Auftritt für ASP, nun gönnen sie sich eine Pause nach der letzten Tournee. Im Oktober diesen Jahres geht es für die Rockband allerdings auch schon wieder weiter. „Wir sind unbequem und weil ihr heute alle so schön im Hotel schlaft, hier etwas was euch das unbequemer macht“ und mit dieser Aussage von ASP geht es weiter mit „Astoria verfallen“. Auch das der Location angemessene Strandthema wird aufgegriffen und so wird uns „Bernsteinmeerengel“ voller Gefühl präsentiert. Weiter geht es mit „Wechselbalg“ durch „Die Untiefen“ und immer weiter vorwärts und abwärts mit „Schwarzes Blut“.

Nach vielen Jahren hat ASP es erfolgreich in ein Schulbuch geschafft. Ein Ethik-Schulbuch mit einem Zitat aus dem Lied „Ich bin ein wahrer Satan“. Traurig dabei ist, dass hier ein Lyrik-Wiki zitiert wird und das auch noch falsch. So steht dort Ziegenruf statt Ziegenhuf. Nach einer exemplarischen Darbietung des richtigen Textes, geht es weiter mit „Und ich tanzte“ und schließlich noch der Dauerbrenner „Ich will brennen“. Etwa 30 Minuten nach der Geisterstunde schlendern wir den kürzesten Weg in unserem Festivaldasein gen Unterkunft und freuen uns schon auf den kommenden Tag.

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Fotos: Cynthia Theisinger

Samstag

Der Samstag beginnt bei uns mit Absurd Minds. Der Salle de Fête ist bei unserer Ankunft schon rappel voll und dann legen die Jungs auch schon los. Wer nicht schon durch die Temperaturen schwitzt, dem geben die harten Beats, die fast schon zum Tanzen zwingen, den Rest um den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Für uns steht aber auch bald der Weg zurück zu La Chapiteau an, wo Unzucht auf uns warten. Im großen Zelt machen sich die langen, nächtlichen Stunden noch deutlich bemerkbar, sodass nur knapp über die Hälfte gefüllt ist. Auch heute zeigen die vier Dark Rocker, dass live einfach viel mehr Power dahinter steht als hinter den ihren Plattenversionen und pfeffern uns „Engel der Vernichtung“ und „Unzucht“ von ihrem ersten Album „Todsünde 8“ um die Ohren. Generell ist der Auftritt mit vielen älteren Titeln gespickt, was beim Publikum sehr gut ankommt.

Drinnen machen es sich derweil Centhron im Salle de Fête gemütlich und heizen bei guter Stimmung dem Publikum ordentlich ein. Im La Chapiteau warten danach Lord of the Lost auf uns, die unter tosendem Applaus die Bühne betreten. Sichtlich ein Publikumsmagnet und unüberhörbar besonders beim weiblichem Publikum. Keyboarder Gerrit Heinemann ist aber heute nicht mit dabei. Er ist auf Abwegen mit Kult Darsteller David Hasselhoff auf der Suche nach Freiheit.

Im Salle de Fête mit einer Programmänderung. Diorama ist kurzfristig ausgefallen und so schwingt sich Sänger Felix Marc stattdessen mit dem Electro Pop Duo Frozen Plasma auf die Bühne. Wir beschweren uns nicht und tanzen die Revolution. Zu Titeln wie „Age after Age“, „Foolish Dreams“ und „Eearthling“ wird getanzt was die Füße mitmachen. Mit „Safe. Dead. Harm.“ wird auch die gestern frisch erschienen erschienene Single präsentiert. Nach „Herz“ zieht es uns zurück ins La Chapiteau, wo Blutengel mit ihrer imposanten Bühnenshow, gefüllt mit allen Klischees der Gothic-Szene, auf uns warten.

Schöne Frauen, Feuer und literweise Kunstblut … einzig auf das Feuer müssen wir heute verzichten. Die Brandschutzverordnungen des Zeltes geben das wohl nicht her. Zu den ersten Klängen zu „Gott: Glaube“ bricht das Publikum in tosenden Applaus aus. Die kleineren technischen Schwierigkeiten werden von Chris Pohl mit viel Humor aufgenommen und so geht es weiter durch das Sortiment von Blutengel, sowohl akustisch, als auch visuell, mit Titeln wie „Lucifer“, „Engelsblut“ und „Say Something“. Auch in der Vergangenheit wird ordentlich gegraben und alte Klassiker wie „Bloody Pleasures“, „Children of the Night“ und „Seelenschmerz“ präsentiert. Besondere Mühe bereit sich Chris zu „Leitbild“, wozu er versucht auf unterschiedlichste Arten das Publikum zu motivieren sich lautstark mit „Nein, Nein“ am Refrain zu beteiligen. Den Abschluss setzen sie mit dem Titelsong des Aktuellen Albums „Black“.

Drinnen im Salle de Fête geht es als nächstes weiter mit Die Krupps. Oder soll es zumindest. Mit 15 Minuten Verspätungen und grob 7 Anläufen des Intros, die dann doch immer wieder abgewürgt werden, geht es los. Technische Probleme, schade.

Dann erwartet uns aber auch schon Subway to Sally im La Chapiteau, die mit einem ausgedehnten Händemeer zu „Grausame Schwester“ begrüßt werden. Weiter geht mit „Henkersbraut“, „Kleid aus Rosen“ und „Unsterblich“. Etwas moderner wird es schließlich mit „Eisblumen“, „Falscher Heiland“ und „Tanz auf dem Vulkan“. Nach ihrer Tour durch ihre ältere und jüngere Schaffensgeschichte darf natürlich auch der Publikumsliebling „Julia und die Räuber“ nicht fehlen. Auch wenn man sich durchaus die Frage stellen kann: Singt hier die Band für die Fans oder die Fans für die Band?

Danach geht es auf Selbstmordmission im Salle de Fête, wo Suicide Commando der Luft endgültig den gar ausmachen. Unter der Gewalt ihrer Beats können nur die ganz Hartgesottenen noch tanzen. Ein Tag voller Tanzmusik haben der Luft auch den letzten Rest Sauerstoff abgerungen. Die Verschnaufpausen zwischen den Bands hatten wenige Chancen den Zustand auf ein Normales Niveau zurück anzuheben.

Fürs große Finale geht es zurück in La Chapiteau mit VNV Nation. Unter donnerndem Jubel beginnt der Anfang vom Ende. Das Zelt ist rappel voll und dabei ist Suicide Commando noch nicht einmal mit ihrem Set durch, als es auch schon mit „Joy“ los geht. Weiter geht es danach mit einem Toptitel nach dem anderen, wie „Testament“, „Nemesis“ oder „Legion“. In seiner gewohnt minimalistischen aber energiegeladenen Show entfaltet Ronan Harris sein volles Potenzial. Mit „Honour“ wird es danach auch etwas romantischer, gefolgt von „Primary“. Zu „Illusion“ singt der Großteil des Zeltes mit und erzeugt eine Gänsehautstimmung die man wirklich selten erlebt. Danach wird es wieder etwas aktiver mit „Standing“ und „Space and Time“. Zu „Control“ wurde die mitsingende Menge so gewaltig, dass Ronans Stimme untergehen zu droht. Um das Eindrucksvolle Bild der leuchtenden Lichter zu „Nova“ einzufangen macht Ronan Harris kurzerhand ein Video, dass auch auf der Facebook-Seite von VNV Nation zu bestaunen ist. Den persönlichen Fan-Hochmoment hat zu „Resolution“ dann jemand der gar nicht da ist. Ein Videoanruf aus der ersten Reihe erregt die Aufmerksamkeit von Ronan, der sich kurzerhand das Handy hochreichen lässt und den Anruf von der Bühne aus weiter führt. Mit „Perpetual“ legten VNV Nation unseren persönlichen Abschluss.

Für uns neigt sich das Plage Noire 2018 dem Ende entgegen. Schmerzende Füße und der noch anstehende Heimweg zollen ihren Tribut und wir machen uns auf den Rückweg. Damit verabschieden wir uns und freuen uns darauf, im nächsten Jahr wieder zu kommen. Zum Glück ist die Pause ja absehbar und dauert nicht noch einmal 9 Jahre an.

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Fotos: Cynthia Theisinger